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Samstag, 27. November 2010

Hypnose beim "Supertalent": "Wie beim Schweigen der Lämmer"

"Das Supertalent" geht in die heiße Phase. Höhepunkt des ersten Halbfinales soll der Auftritt des Hypnotiseurs Martin Bolze sein, der vom Studio aus die ganze TV-Nation in Trance versetzen will. Ist das überhaupt möglich? Der Hypnosetherapeut Sven Franke sagt ja. Nur im Prinzip hypnotisieren wir uns selbst.

Bei der Angst vor Zahnbehandlungen kommt Hypnose immer häufiger zum Einsatz.
Bei der Angst vor Zahnbehandlungen kommt Hypnose immer häufiger zum Einsatz.(Foto: picture-alliance/ dpa)

n-tv.de: Was versteht man unter Hypnose?

Sven Frank: Hypnose bezeichnet zum Einen einen Zustand der Trance und zum anderen ein Ritual, mit dem man jemanden in diesen Trance-Zustand hineinbringt.

Was macht der Hypnotiseur? Was geschieht während des Hypnosevorganges?

Der Hypnotiseur hilft dem Klienten, den Fokus der Aufmerksamkeit auf das gewünschte Ziel umzulenken. Dadurch verlagert sich im Gehirn die Aktivität vom Frontalhirn ins Limbische System. 

Kann sich jeder hypnotisieren lassen?

Ja, es ist sogar so, dass sich jeder mehrmals am Tag selbst hypnotisiert, also quasi die verschiedenen Trance-Zustände des Alltags selbst verändert.

Wie tun wir das?

Indem wir den Fokus unserer Wahrnehmung ändern. Wir haben zum Beispiel eine andere Wahrnehmung, also eine andere Trance, wenn wir in einem Geschäft sind, als wenn wir mit unseren Kindern spielen oder bei unseren Eltern zum Abendessen eingeladen sind.

Warum merken wir das nicht?

Weil das einfach ein natürlicher Bewusstseinszustand ist, der automatisch wechselt. Etwa alle eineinhalb Stunden wechselt unser Gehirn in einen kurzen Standby-Modus, um die Eindrücke, die uns tagtäglich begegnen, zu verarbeiten.

Sven Frank ist 1. Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Hypnosetherapeuten.
Sven Frank ist 1. Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Hypnosetherapeuten.

Was haben wir davon?

Das ist eine Art Selbstschutz. Ursprünglich war es so, dass wir uns von uns selbst distanziert haben, wenn wir einen massiven Reiz erlebt haben, beispielweise bei dem Angriff eines wilden Tieres. Inzwischen ist die Überflutung mit Reizen so immens, dass der Körper immer mal wieder Abstand davon braucht, um das alles zu verarbeiten. Das geschieht in diesen kleinen Auszeiten.

Was kann Hypnose dabei leisten?

Durch diese vielen Reize, denen wir ausgesetzt sind, entstehen sehr viel mehr Lernprozesse im Gehirn als früher. Das heißt, wir müssen viel mehr Reize verarbeiten und machen durch auch mehr Erfahrungen. Und manche Erfahrungen oder Lernprozesse behindern uns im Alltag und führen dann zu unerwünschten Denkmustern und Verhaltensweisen und im ungünstigsten Fall zu Symptomen. Bei der Hypnose wird die natürliche Fähigkeit der Trance verstärkt, damit man gezielt an den unerwünschten Prozessen arbeiten und neue Lernprozesse aktivieren kann.

Wir alle haben Bilder im Kopf, wie jemand in Hypnose agiert. Macht Hypnose willenlos? Bin ich dem Hypnotiseur ausgeliefert?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe die ganze Zeit die Kontrolle über mich selbst und über das, was passiert. Das haben übrigens auch Menschen, die so etwas auf der Bühne machen. Die haben sich lediglich entschieden, dieser Bühnenerwartung zu entsprechen. Die Reaktionen des Publikums unterstützen zum Beispiel die Verhaltensweise der hypnotisierten Person. Wir sehen das auch daran, dass Menschen, die für Zahnarztbehandlungen oder für Operationen hypnotisiert werden, ja auch ansprechbar bleiben. Da variiert man dann lediglich die Trancetiefe je nach Bedarf.

Also ist es kein Ergebnis der Hypnose, wenn jemand absurde Befehle befolgt?

Nein, das ist Show. Der Trancezustand hilft der Person lediglich, die Hemmungen etwas abzubauen, also das Lampenfieber zu überwinden. Es ist also auch nicht so, dass man eine besondere Fähigkeit braucht, um jemanden in Hypnose zu versetzen. Das macht derjenige ganz automatisch selbst.

Ein weiteres Bild, das wir haben, ist die Angst, in einer Hypnose stecken zu bleiben. Gibt es das tatsächlich?

Das gibt es nicht. Angenommen, der Hypnotiseur hätte mitten in der Hypnose einen Herzinfarkt. Dann würde der Klient die Hypnose spätestens nach etwa 20 Minuten selbst beenden, weil es eine Hypnoselogik gibt. Das heißt, man beurteilt die Situation auch in Trance immer noch danach, ob sie einem förderlich ist oder nicht. Man kann auch nicht einschlafen, weil die Gehirnaktivität bei Schlaf eine ganz andere ist als in der Hypnose.

Nun ist ja geplant, die Zuschauer einer Fernsehshow, auch die am Fernsehgerät zu Hause, zu hypnotisieren. Ist es überhaupt möglich, über das Fernsehgerät hypnotisiert zu werden?

Also, man streut schon im Vorhinein werbewirksam genau diese Suggestion, damit möglichst viele Zuschauer hinterher das Gefühl haben, hypnotisiert gewesen zu sein. Insofern kann man sagen, entweder ist jeder Zuschauer sowieso hypnotisiert, weil er bestimmten Serien folgt und den Anschluss nicht verpassen will, oder weil er Werbung gesehen hat, die sein Kaufverhalten unbewusst steuert. Oder aber, er ist nicht hypnotisiert. Aber wenn ich so eine Aktion mache und im Vorfeld suggeriert bekomme, hier werde ich hypnotisiert, nehme ich die Trance, in die ich beim Fernsehen gerate, anders wahr. Ich neige dann dazu, das als Hypnose zu interpretieren. Aber es spielt keine Rolle, ob Sie "Das Schweigen der Lämmer" oder eine Hypnoseshow ansehen, der Grad der Hypnose ist identisch.

Was halten Sie persönlich von solchen Auftritten, wie beim Supertalent?

Ich bin der Meinung, dass diese Auftritte die Bevölkerung verunsichern. Ich finde es schade, dass Menschen, die die Fähigkeit haben, positiv auf andere Menschen zu wirken, es auf diesem Anfängerniveau des Entertainments belassen. Das, was da auf der Bühne gemacht wird, lernt jeder, der eine hypnosetherapeutische Ausbildung macht, innerhalb des ersten Ausbildungstages.

Wo kommt denn Hypnose inzwischen überall zum Einsatz?

Die Möglichkeiten liegen klassisch in der Zahnmedizin, in der Geburtsvorbereitung und Schwangerschaftsbegleitung, in der Vorbereitung und Begleitung von Operationen, aber auch in der Psychotherapie, speziell bei Angststörungen, oder in der Psychosomatik. Außerhalb der Heilkunde kommt Hypnose auch bei der Leistungssteigerung im Sport zum Einsatz und im Bereich der Lernunterstützung von Kindern. In Deutschland gibt es das zwar nicht, aber in anderen Ländern wird Hypnose auch in der Forensik bei der Befragung von Zeugen oder in der Arbeit mit traumatisierten Opfern eingesetzt.

Würden Sie sich wünschen, dass die zahlreichen medizinischen Möglichkeiten von Hypnose stärker wahrgenommen werden?

Wir haben daran in den vergangen Jahren gearbeitet, es gibt inzwischen das europäische Berufsbild des Hypnosetherapeuten mit einer dreijährigen Ausbildung. Wir bemühen uns derzeit um die Anerkennung in Deutschland. Das Bewusstsein verändert sich da gerade. Früher haben 80 Prozent der Menschen bei Hypnose zuerst an Showhypnose gedacht, inzwischen sind es noch 40 Prozent. Das heißt im Umkehrschluss, 60 Prozent der Menschen verbinden Hypnose inzwischen mit dem medizinisch-therapeutischen Aspekt.

Mit Sven Frank sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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