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"Einige halten Masern für eine harmlose Krankheit mit vergleichsweise milden Symptomen. Aber das stimmt nicht."
"Einige halten Masern für eine harmlose Krankheit mit vergleichsweise milden Symptomen. Aber das stimmt nicht."(Foto: imago/Christian Ohde)

Masern-Partys und Autismus-Lügen: Wie riskant sind Impfungen wirklich?

Immer wieder sind sie Thema: die Impflücken bei Masern und auch Keuchhusten. Prof. Carlos A. Guzmán forscht an Impfstoffen. Er leitet die Abteilung für Vakzinologie und Angewandte Mikrobiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. n-tv.de spricht mit ihm über Komplikationen mit und ohne Impfung, über plötzlichen Sonnenschein und eine Zeitbombe.

n-tv.de: Herr Guzmán, manche Eltern veranstalten "Masern-Partys", um ihr Kind auf natürliche Weise mit dem Virus in Kontakt zu bringen. Was halten Sie davon?

Carlos A. Guzmán: Bei "Masern-Partys" setzt man die Kinder absichtlich einem Virus aus, das zu schweren Krankheitsverläufen führen oder sie sogar töten kann. Einige halten Masern für eine harmlose Krankheit mit vergleichsweise milden Symptomen. Aber das stimmt nicht.

Wie gefährlich sind Masern?

Die USA haben eine sehr informative Statistik erstellt: Vor Einführung der Impfung erkrankten dort jedes Jahr etwa vier Millionen Menschen, zumeist Kinder, an Masern. 400 bis 500 von ihnen starben infolge der Infektion und 48.000 mussten ins Krankenhaus. Von 500 bis 1000 maserninfizierten Kindern bekam eines eine gefährliche Gehirnhautentzündung und eines von 20 entwickelte eine lebensbedrohliche Lungenentzündung, die Masernpneumonie. Im Lauf der folgenden sieben bis zehn Jahre bekamen zudem 4 bis 11 von 100.000 infizierten Kindern eine schwere neurologische Erkrankung: die subakute sklerosierende Pan-Enzephalitis, welche tödlich endet.

Konkret für die "Masern-Partys" bedeutet das was?

Wer mit seinem Kind zu einer solchen "Party" geht, setzt es genau diesen Risiken aus: Von 20 Kindern bekommt eines eine lebensgefährliche Masernpneumonie und eines von 500 bis 1000 eine Gehirnhautentzündung, die zu dauerhaften Schädigungen oder gar zum Tod führen kann.

Manche Eltern halten Impfungen für riskant. Sie befürchten Komplikationen und Impfschäden. Wie begegnen Sie solchen Vorbehalten?

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Es muss jedem klar sein, dass nichts im Leben absolut risikofrei ist. Jeden Morgen, wenn man mit dem Auto zur Arbeit fährt, könnte man in einen Unfall verwickelt werden, der tödlich endet oder zumindest lebenslange Auswirkungen hat. Trotzdem setzt man sich täglich ins Auto. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Impfung zu Komplikationen führt, ist deutlich geringer als die, mit dem Auto zu verunglücken. Es ist immer eine Abwägung von Risiken und Nutzen. Bei Impfungen heißt das: Wie groß ist das Risiko, die Krankheit zu bekommen, und wie schwer kann deren Verlauf ausfallen? Wie hoch sind die Kosten, die mit der Behandlung einhergehen – für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft? Und: Wie groß ist das Risiko, dass jemand, der die Impfung bekommt, darauf mild, gemäßigt oder aber heftig reagiert? In den meisten Fällen sprechen die Antworten eindeutig für die Impfung.

Welche Nebenwirkungen oder Folgen kann die Mumps-Masern-Röteln-Impfung tatsächlich haben?

Die MMR-Impfung ruft eine Mini-Infektion hervor. Die schützt dann nach der zweiten Impfung ein Leben lang, aber sie kann eben auch zu Mini-Symptomen führen. Dazu gehören Fieber, Ausschlag und Lymphknotenschwellungen. Das sind die milden und häufigeren Begleiterscheinungen. Die ernsteren Nebenwirkungen sind Fieberkrämpfe bei Babys und Kleinkindern, wobei lediglich eines von 3000 Kindern betroffen ist. Darüber hinaus sind diese Symptome leicht zu behandeln. Jugendliche, die gegen MMR geimpft werden, können milde Gelenkschmerzen bekommen; bei einem von vieren ist das der Fall. Möglich ist auch eine vorübergehende Reduzierung der Blutplättchen, das passiert bei einer von 30.000 Impfungen.

Sind auch Komplikationen möglich?

In einem einzigen Fall bei einer Million MMR-Impfungen kam es zu einer schweren allergischen Reaktion. Um das in den richtigen Kontext zu setzen: Bei einer Maserninfektion erleidet eines von 1000 nicht geimpften Kindern eine lebensgefährliche Komplikation. Überaus selten wurde Epilepsie beobachtet, das war ein Fall bei mehreren Millionen Impfungen. Ob die Epilepsie tatsächlich eine Folge der Impfung war, kann man nicht eindeutig belegen. Menschen neigen dazu, schnell Zusammenhänge herzustellen. Manchmal treffen aber zwei Dinge zufällig zusammen: Wenn wir aus dem Haus gehen und plötzlich die Sonne rauskommt, dann tut sie dies nicht, weil wir jetzt draußen unterwegs sind.

Es wird immer wieder auch die Herdenimmunität angesprochen. Warum ist die so wichtig?

Viele Impfungen sind nicht allein ein persönliches Thema, sondern ein gesellschaftliches. Mit der Masernimpfung zum Beispiel schützt man nicht nur denjenigen, der die Impfung bekommt, sondern auch Babys, die noch nicht geimpft wurden, und auch diejenigen, die zum Beispiel wegen einer Immunschwäche nicht geimpft werden konnten. Denn mit der Impfung senkt man die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus übertragen wird. Bei Masern führt eine einzelne Infektion bei 90 Prozent der Menschen, die mit dem Infizierten in Kontakt kommen, zu einer Masern-Erkrankung. Ab einer Impfrate von 95 Prozent ist die Herdenimmunität erreicht, das heißt, dass das Virus sich nicht mehr vermehren und folglich nicht mehr zirkulieren kann.

Nicht nur bei Masern, auch bei Keuchhusten ist von Impflücken die Rede. Warum sollte man sich selbst und seine Kinder dagegen impfen lassen?

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Mindestens 200.000 Menschen sterben jedes Jahr weltweit an Keuchhusten. Das ist nicht einfach irgendein Husten, sondern eine schwere Erkrankung, bei der sogar Rippen brechen können. Weiterhin kann Keuchhusten neben neurologischen Schäden zu Krampfanfällen sowie zu einer Lungenentzündung führen. Außerdem kann es zu Sekundärinfektionen kommen, die mit weiteren Komplikationen einhergehen.

Wie zuverlässig ist der Schutz von Masern- und Keuchhusten-Impfungen?

Bei Masern schützt die Impfung in 93 bis 97 Prozent der Fälle vollständig vor einer Infektion. Die Keuchhusten-Impfung schützt in über 95 Prozent der Fälle. Bei Menschen, die trotz Impfung Keuchhusten bekommen, ist das Risiko, dass sie eine schwere Form der Infektion durchlaufen, deutlich verringert. Man hat dann, wenn überhaupt, nur leichte Symptome. Wie wirksam eine Impfung ist, bemisst sich eben nicht allein daran, ob sie vollen Schutz gewährleistet, sondern auch daran, ob sie Infektionen mildert, ob sie das Risiko für neurologische Schäden senkt oder ob sie die Wahrscheinlichkeit bleibender Schäden senkt.

Bei Kindern stehen im ersten Lebensjahr viele Impfungen an. Wird dem kindlichen Organismus da einiges zugemutet?

Das Immunsystem eines jeden Menschen wird täglich mit einer Vielzahl von potenziellen Antigenen konfrontiert, allein über das Essen. Hat ein Kind eine Virusinfektion, eine gewöhnliche Erkältung etwa, kann es einer Vielzahl von Antigenen ausgesetzt sein. Bei einer bakteriellen Halsentzündung, um ein weiteres Beispiel zu nennen, sind 25 bis 50 Antigene im Spiel. Bei einer Impfung setzt sich der kindliche Organismus mit maximal 69 Antigenen auseinander. Bis das Kind zwei Jahre alt ist, wird es durch die Impfungen mit insgesamt etwa 315 Antigenen konfrontiert, grob geschätzt. Damit ist das Immunsystem keineswegs überfordert.

Fördern Impfungen Allergien?

In Impfstoffen gibt es Bestandteile, die allergische Reaktionen auslösen können. Die übliche Grippeimpfung etwa enthält Hühnereiweiß. Ist man gegen Hühnereiweiß stark allergisch, nimmt man also nicht diesen Influenza-Impfstoff, sondern den anderen, der aus Zellkulturen hergestellt wurde und frei ist von Hühnereiweiß. Der Hausarzt, der seine Patienten kennt, kann relativ gut abschätzen, wann welche Impfung kontraindiziert ist. Dazu, ob Impfungen grundsätzlich Allergien fördern, gab es 2004 eine Studie in den USA. Das Ergebnis lässt darauf schließen, dass Impfungen keinen nachweislichen Risikofaktor für Ekzeme oder allergisches Asthma darstellen. Wir können auf keinen Fall auf den Impfschutz vor schweren Krankheiten verzichten, nur um ein möglicherweise bestehendes Allergierisiko zu umgehen.

Wie erklären Sie sich den teilweise so kritischen Blick auf Impfungen?

Bei Masern hält sich immer noch hartnäckig das Gerücht, dass die Impfung zu Autismus führen könne. Eine Studie von 1998 war zu diesem Ergebnis gekommen, doch mehrere Teile der Studie waren nicht korrekt und Daten wurden gefälscht, weil der Studienleiter seinen eigenen Impfstoff vermarkten wollte. Die Studie wurde 2004 zurückgezogen. Neue Studien, basierend auf Daten von Millionen geimpfter Kinder, konnten keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus nachweisen.

Und woher rührt eine Impfmüdigkeit, die über die Maserimpfung hinausgeht?

Impfungen sind das Opfer ihres eigenen Erfolges. Das ist, glaube ich, das große Problem. Was ich damit meine: Durch die Impfungen sind die Krankheiten, gegen die sie wirken, nicht mehr sichtbar. Heute hat hierzulande niemand mehr ein Kind mit Kinderlähmung in der Familie. Da kann man auf die Idee kommen, Polio wäre eine exotische Krankheit, die es nur in fernen Ländern gibt und man selbst wäre ohnehin nicht gefährdet. Doch diese Wahrnehmung täuscht. Wenn sie dazu führt, dass man auf die Impfung verzichtet, ist das eine echte Gefahr und wie eine Zeitbombe inmitten der Gesellschaft. Polio ist nicht ausgerottet. Und jeder von uns trägt eine soziale Verantwortung.

Mit Prof. Carlos A. Guzmán sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de

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