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Interview mit Klimaforscher Mojib Latif: "Wir sind empfindlich geworden"

Latif ist Professor am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften.
Latif ist Professor am Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjalla legt den europäischen Flugverkehr lahm und weckt Befürchtungen, dass die gewaltige Aschewolke auch unser Klima verändern könnte. Mit dem Klimaforscher Dr. Mojib Latif sprach n-tv.de über die mögliche Gefahr.

n-tv.de: Hat der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjalla unmittelbar Auswirkungen auf unser Klima?

Mojib Latif: Das wird wohl nicht so sein, weil die Asche nach wenigen Tagen wieder verschwunden sein dürfte. Die Asche selbst ist im Allgemeinen kein Klimafaktor, sondern Schwefelgase, die hoch in die Atmosphäre geschleudert werden. Das ist, so wie es bisher aussieht, diesmal nicht der Fall. Deswegen rechnen wir nicht mit globalen Auswirkungen.

Wie müsste eine Aschewolke beschaffen sein, um Klimaveränderungen auszulösen?

Es müsste vor allem Schwefeldioxid in großen Mengen sehr hoch in die Atmosphäre gelangen, also in Höhen deutlich über zehn Kilometer. Dann entwickeln sich aus diesen Schwefelgasen Schwefelsäure-Tröpfchen. Die können sich dann ziemlich lange halten und reflektieren das Sonnenlicht. Dann kommt es nach sehr starken Vulkanausbrüchen zu messbaren Abkühlungen.

Der Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf der Nordinsel Luzon/Philippinen 1991 veränderte die Temperatur auf der Erde.
Der Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf der Nordinsel Luzon/Philippinen 1991 veränderte die Temperatur auf der Erde.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Ausbruch des Pinatubo hat ja vor einigen Jahren tatsächlich zu Klimaveränderungen geführt. Was ist der entscheidende Unterschied zu diesem Ausbruch?

Der Unterschied ist zunächst einmal, dass tropische Vulkane immer mehr Potenzial haben, das Globalklima zu ändern, als Vulkane in höheren Breiten. Und zum anderen hat man diesmal nicht so viel Schwefeldioxid in die Stratosphäre bekommen, wie es halt beim Pinatubo der Fall war.

Ist aus der Sicht des Klimaforschers die Aschewolke das größere Problem oder eher das Abschmelzen der Gletscher durch den Vulkanausbruch?

Das Abschmelzen der Gletscher infolge des Vulkanausbruchs ist nicht das Problem. Das ist ein kleiner Effekt im Vergleich zu dem, was wir in den letzten Jahrzehnten ohnehin an Schmelzen hatten. Das ist ein lokaler Effekt ohne globale Relevanz. Den Klimaforscher interessiert nur, ob da tatsächlich große Mengen an Schwefeldioxid in die Atmosphäre gelangen. Das ist nicht der Fall, insofern ist das ein Phänomen, das in erster Linie die Luftqualität und den Luftverkehr beeinträchtigt.

Ein Blick auf den Eyjafjalla, bevor ihn die Aschewolke verdeckte.
Ein Blick auf den Eyjafjalla, bevor ihn die Aschewolke verdeckte.(Foto: picture alliance / dpa)

Der letzte Ausbruch 1821 dauerte zwei Jahre und traf  Island sehr hart. Wie wäre das heute in unserer globalisierten Welt, wenn es einen zwei Jahre lang währenden Ausbruch gäbe?

Das wäre natürlich eine Katastrophe für die ganze Luftverkehrsindustrie, denn wenn viel Asche in der Atmosphäre ist, kann man nicht fliegen, weil die Triebwerke sehr empfindlich darauf reagieren. Wir sehen ja jetzt schon bei diesem Ausbruch, dass wir es mit einer ganz neuen Situation zu tun bekommen, die wir so noch nicht hatten. Wir hoffen einfach, dass das bald vorüber ist. An so einem Vulkanausbruch sieht man einfach, wie sehr wir empfindlich geworden sind gegenüber völlig natürlichen Phänomenen.

Mit Mojib Latif sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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