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Istanbul liegt am Marmarameer. Die dortige Bebenaktivität haben Wissenschaftler minutiös ausgewertet.
Istanbul liegt am Marmarameer. Die dortige Bebenaktivität haben Wissenschaftler minutiös ausgewertet.(Foto: imago/Westend61)
Mittwoch, 17. Mai 2017

Bedrohung der nächsten Jahre: Wo wird das Istanbul-Erdbeben beginnen?

Istanbul bereitet Seismologen schon lange Sorgen: Sie rechnen damit, dass es dort in den nächsten Jahren zu einem Beben kommt, das mindestens die Stärke 7 auf der Richterskala erreicht. Wo das wohl seinen Ursprung haben wird, können sie jetzt sagen.

Das letzte große Beben in der Region Istanbul war eine der folgenschwersten Naturkatastrophen des 20. Jahrhunderts: Mitten in der Nacht, um 3.02 Uhr am 17. August 1999, riss die sogenannte "Nordanatolische Verwerfung" nahe der Metropole auf einer Strecke von 130 Kilometern auf. Zwei Erdplatten verschoben sich dabei um mehr als fünf Meter gegeneinander. Das Epizentrum des Bebens lag rund 100 Kilometer östlich von Istanbul. Es erreichte eine Stärke von 7,6 auf der Richterskala und endete mit einem Tsunami in der Meeresbucht von Marmara. Mehr als 18.000 Menschen starben, fast 50.000 wurden verletzt.

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In den vergangenen Jahren nun war es auffällig ruhig in Teilen der Nordanatolischen Verwerfung. Für den Laien mag das beruhigend klingen, bei Forschern jedoch schrillen die Alarmglocken. Wenn dort über einen langen Zeitraum hinweg keine seismische Aktivität messbar ist, heißt das vor allem eines: Es bauen sich Spannungen auf. Erdplatten verhaken sich ineinander und halten die Bewegung auf. Die Energie staut sich im Untergrund - und zwar so lange, bis ein starkes Beben sie freisetzt.

Frühwarnzeit von wenigen Sekunden

Wie stark die Platten verhakt sind und wo genau das Beben seinen Ursprung haben wird, entscheidet darüber, wie groß die Gefahr für Istanbul ist. Wissenschaftler vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) sind diesen Fragen nachgegangen; jetzt veröffentlichten sie im "Geophysical Journal International" ihr Ergebnis: Ihre Studie legt nahe, dass das nächste große Beben im östlichen Marmarameer vor Istanbul beginnt. "Das bedeutet eine gute und eine schlechte Nachricht", sagt Studienleiter Marco Bohnhoff. "Die Bruchausbreitung wird in östlicher Richtung verlaufen, also weg von Istanbul. Die schlechte Nachricht ist, dass es nur eine kurze Frühwarnzeit von wenigen Sekunden Dauer geben wird."

Der blaue Kasten vor Istanbul zeigt den Bereich der verhakten Erdplatten an. Die Sterne markieren die in der Studie erwähnten "Repeater-Erdbeben". Die schwarze Linie rechts zeigt die Bruchzone des Starkbebens von 1999 an. Die rote Linie ist die Nordanatolische Verwerfung.
Der blaue Kasten vor Istanbul zeigt den Bereich der verhakten Erdplatten an. Die Sterne markieren die in der Studie erwähnten "Repeater-Erdbeben". Die schwarze Linie rechts zeigt die Bruchzone des Starkbebens von 1999 an. Die rote Linie ist die Nordanatolische Verwerfung.(Foto: Christopher Wollin/GFZ)

Für ihre Studie haben die Forscher die Bebentätigkeit in der Region minutiös ausgewertet. Dabei wurden erstmals Daten aus dem GFZ-Plattenrand-Observatorium mit den beiden großen türkischen Erdbeben-Messnetzen kombiniert. So konnten die Wissenschaftler unter dem westlichen Marmarameer wiederkehrende kleine Erdstöße, sogenannte Repeater, ausfindig machen. "Daraus leiten wir ab", sagt Bohnhoff, "dass die beiden Platten dort zu einem beträchtlichen Teil – 25 bis 75 Prozent – aneinander vorbeikriechen". Solange die Platten in Bewegung sind, staut sich dort weniger Energie auf. Das also ist die Situation unter dem westlichen Marmarameer.

Epizentrum vor den Toren der Stadt

Weiter östlich vor Istanbul hingegen konnten die Forscher, wie sie im "Geophysical Journal International" darlegen, keine Repeater beobachten. Dort scheinen die Platten komplett miteinander verhakt zu sein. Deswegen gehen die Wissenschaftler davon aus, dass das nächste große Beben hier seinen Ursprung haben wird.

Ausgeschlossen ist ein stärkeres Beben aber auch im westlichen Marmarameer nicht. "Auch da gäbe es eine gute und eine schlechte Nachricht", sagt Bohnhoff. Gut wäre eine etwas längere Frühwarnzeit, schlecht wäre der Umstand, dass die Bruchausbreitung dann in Richtung Istanbul erfolgen würde und die Erschütterungen in der 15-Millionen-Metropole selbst schwerer wären.

Die derzeitige Datenlage jedoch, heißt es vom GFZ, ließe das Gegenteil vermuten: ein Beben mit einem Epizentrum vor den Toren der Stadt, das den Menschen zwar nur wenig Zeit lässt, sich zu schützen, das dafür aber in Istanbul selbst weniger starke Bodenbewegungen auslöst.

Quelle: n-tv.de

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