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Alles schläft, einsam wacht...
Alles schläft, einsam wacht...(Foto: dpa)

Angepasst dank Droge: Wohin führt Hirndoping?

Ob es darum geht, den Job zu behalten oder eine heiß umkämpfte Stelle auf dem Arbeitsmarkt zu erobern: Gut zu sein ist oftmals nicht genug. Manch einer greift da zur Pille. Das Hirn soll auf Hochtouren laufen und der Feierabend erst am Morgen beginnen. Welch fatale Folgen das haben kann, erläutert Dr. Claus Normann, Geschäftsführender Oberarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Freiburg im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Herr Normann, Stress und Leistungsdruck lassen immer mehr Menschen zur Pille greifen. Bestimmte Wirkstoffe sollen das Lernen erleichtern, die Konzentrationsfähigkeit steigern, die Hirnfunktion verbessern. Wie verbreitet ist das Hirndoping?

Claus Normann: Die Welle schwappt aus den USA zu uns. Dort scheint es, so erzählen manche Studenten, auf dem Campus gang und gäbe zu sein. In Deutschland ist es nicht so verbreitet. Studien sprechen hier von ein bis zwei Prozent der berufstätigen Bevölkerung. Allerdings gibt es Risikogruppen, die wahrscheinlich einen sehr viel höheren Gebrauch haben. Dazu gehören zum Beispiel die Menschen, die Zugang zu entsprechenden Substanzen haben, also aus dem medizinischen oder wissenschaftlichen Bereich. Und auch die Menschen, die mit termingebundenen Projekten immer wieder unter Druck stehen oder eine Spitzenarbeitsbelastung haben – wie etwa Studenten vor einer Prüfung. Es ist schwierig, jemanden zu finden, der über die Einnahme leistungssteigernder Pillen spricht. Die Dunkelziffer ist sehr hoch.

Wie wirken diese Medikamente?

Modafinil, einer der Wirkstoffe, wird normalerweise bei bestimmten, seltenen Schlafstörungen verschrieben, zum Beispiel bei Narkolepsie, wenn also jemand zu viel schläft. Modafinil bekämpft Müdigkeit und hält wach. Man kann damit länger arbeiten, weil Schlafstunden wegfallen. Ritalin, ein anderes Mittel, soll die Denkfähigkeit und die Konzentration verbessern. Eigentlich wird es gegen ADHS verordnet.

Wie gefährlich sind diese Medikamente, wenn man sie zur Leistungssteigerung zweckentfremdet?

Manipulation am menschlichen Gehirn: Wie fair ist Hirndoping? Und wie freiwillig?
Manipulation am menschlichen Gehirn: Wie fair ist Hirndoping? Und wie freiwillig?(Foto: picture-alliance/ ZB)

Ihre Langzeitwirkungen sind völlig unbekannt. Die Medikamente sind für bestimmte Krankheiten getestet und zugelassen, aber eben nicht für gesunde Menschen. Insofern weiß man nicht, welche Gefahren langfristig drohen. Davon süchtig zu werden, ist eher unwahrscheinlich. Denn Konsumenten nehmen die Pillen in Spitzenbelastungszeiten, aber nicht auf Dauer. Vorstellbar ist eine psychische Abhängigkeit: dass die Patienten also den Eindruck bekommen, auch einfachen Anforderungen nicht mehr ohne Tablette gerecht werden zu können. Die Probleme, die sich beim Hirndoping ergeben, sind eher ethischer, gesellschaftlicher Natur. Es hat weniger mit der Gesundheitsgefährdung des Einzelnen zu tun als vielmehr mit Fairness, mit dem, was die Gesellschaft will.

Sie meinen, weil das Dopen der einen unter Umständen zur Benachteiligung anderer, nicht gedopter Studenten oder Mitarbeiter führt?

Es gibt keinen wirklichen Unterschied zum Sport-Doping. Bei der Tour de France findet es jeder verdammenswert, dass sich die Fahrer dopen. Die Zuschauer wenden sich ab, weil fahrende Apotheken in einem sportlichen Wettkampf nichts zu suchen haben. Wenn nun in einem Prüfungszimmer der Universität 10 von 50 Teilnehmern Medikamente nehmen, um in dieser Prüfung oder in der Vorbereitung besser zu sein, ist das letztlich nichts anderes als bei der Tour de France, wenn sie das nicht offenlegen.

Die Befürworter des Hirndopings würden jetzt sagen, dass die Medikamente frei verfügbar sein sollten und jeder das Recht haben sollte, sie zu nehmen.

"Es gibt keinen wirklichen Unterschied zum Sport-Doping."
"Es gibt keinen wirklichen Unterschied zum Sport-Doping."(Foto: picture alliance / dpa)

Da kommen wir auf den Aspekt der Freiwilligkeit der Einnahme zu sprechen. Diese Freiwilligkeit ist nämlich gar nicht gesichert. Ein Beispiel: Eine Gesellschaft investiert Hunderttausende von Euro, um einen Hirnchirurgen auszubilden. Macht er einen Fehler bei der Operation, stirbt der Patient. Wenn er schneller arbeiten könnte, würden mehr Hirntumoren operiert werden. Wenn nun ein ungefährliches Medikament es ermöglichen würde, dass der Chirurg besser arbeiten kann, dann kann man auch argumentieren, dass er es nehmen sollte. Nicht nur darf, sondern sollte. Eben, um seinen Patienten zu helfen. So ähnlich wird es übrigens im Militär seit Langem gemacht. Einer der Hauptabnehmer für solche Substanzen, insbesondere für Modafinil, ist die US-amerikanische Armee. Die verpflichtet ihre Piloten dazu, so etwas bei Kampfeinsätzen zu nehmen. Dann aber fällt es schwer, eine Grenze nach unten zu ziehen. Beim Hirnchirurgen kann man darüber noch diskutieren. Aber wie ist es dann mit dem Fließbandarbeiter zum Beispiel? Für die Gesellschaft ergäbe sich durchaus ein Vorteil, wenn auch der schneller arbeiten würde.

Man verschiebt dann also die Normen, und um dem Konkurrenzdruck gewachsen zu sein, müsste jeder die Pille schlucken?

Ja, genau. Angenommen, ich will mich um eine Stelle als Professor bewerben und meine Kollegen – das ist jetzt konstruiert – würden an ihren Anträgen bis nachts um drei feilen und wären deshalb fit, weil sie Modafinil nähmen. Dann käme ich schon in Schwierigkeiten, wenn ich das nicht auch täte. Ich müsste mir dringend überlegen, es ebenfalls zu schlucken. Das ist dann nicht mehr freiwillig.

Nun sagen manche, mit dem eigenen Körper könne man machen, was man wolle …

Pauken mit Pillen: Konsumenten passen sich der Leistungsgesellschaft an.
Pauken mit Pillen: Konsumenten passen sich der Leistungsgesellschaft an.

Natürlich hat jeder die Freiheit, Anabolika zu nehmen und seine Muskeln aufzublasen wie er will. Aber das Gehirn ist etwas anderes. Und diese Sonderstellung des Gehirns ist ein weiteres wichtiges Argument gegen die Leistungssteigerung per Pille. Es ist bisher nicht wirklich verstanden, wie Lernen funktioniert, wie das Gedächtnis funktioniert. Man greift da in sehr zentrale Funktionen des Gehirns ein, ohne wirklich zu wissen, was da passiert.

Geht es den Gegnern des Hirndopings also auch ganz grundsätzlich um Menschlichkeit?

Ja. Wer in der Prüfung ein gutes Ergebnis erzielt, weil er viel gelernt hat und vielleicht seltener in die Kneipe gegangen ist und auch sonst Belohnungsaufschub praktiziert hat, der freut sich – glaube ich – wesentlich mehr, als jemand, der ein paar Pillen geschluckt hat und deshalb gut war. Hirndoping nimmt ein Stück von der Entwicklung des Menschen, und zwar auf eine ganz ungute Weise, die rein auf Leistung zentriert ist. Die Konsumenten passen sich durch pharmakologische Methoden einer Leistungsgesellschaft an, ohne zu überlegen, ob es grundsätzlich gut ist, dass man so überlange Arbeitszeiten hat oder dass das Studium so reformiert wurde, dass es nur noch um Leistung und Schnelligkeit geht. Grundlegende Fragen zur Sinnhaftigkeit der modernen Arbeitswelt werden gar nicht mehr gestellt.

Auch unsere Vorfahren haben ja bereits – ohne Pharmaindustrie – mit in der Natur vorkommenden Substanzen Hirndoping betrieben. Wie sieht es beispielsweise mit Kaffee aus? Ist das schon Hirndoping? Wo ist die Grenze?

Bei Kaffee ist das umstritten. Manche halten nur verschreibungspflichtige Medikamente für Hirndoping, dann fällt Kaffee raus. Und auch wenn die meisten Menschen Kaffee gezielt morgens einsetzen, um wach zu werden und besser arbeiten zu können, ist er doch eine andere Liga als etwa Modafinil. Kaffee ist einfach weniger potent und viel geringer dosiert. Aber die Einnahme von Koffein-Tabletten zum Beispiel geht ganz klar in Richtung Hirndoping.

Dr. Claus Normann ist geschäftsführender Oberarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg.
Dr. Claus Normann ist geschäftsführender Oberarzt der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg.(Foto: Privat)

Kann man dem Denken auf gesunde Weise auf die Sprünge helfen?

Ausreichender Schlaf ist da ganz wichtig. Denn im Schlaf wird das Gelernte konsolidiert. Schlaf ist kein passiver Zustand, da geschieht etwas. Viele Dinge werden nochmal überdacht und vor allem gespeichert. Man mag glauben, wer weniger schläft, hätte mehr Zeit zum Lernen. Aber zahlreiche Studien belegen: Wenn man weniger schläft, lernt man auch schlechter.
Und dann ist es in arbeitsreichen Phasen natürlich wichtig, sich um Ausgleich zu bemühen, den Tag gut zu strukturieren, keinen 15-Stunden-Arbeitstag zu machen, auf Pausen zu achten, weniger Alkohol zu trinken etc.
Und schließlich muss man eben auch akzeptieren, dass es schwierig ist, zu lernen, dass es anstrengend ist, und dass das aber dazugehört. Jeder hat Grenzen, und möglicherweise liegen die eigenen unter denen von anderen Menschen. Trotzdem ist man wertvoll! Wichtig ist, dass man Erfolge, und seien sie noch so klein, sich selbst zuschreiben kann. Und nicht der Pille.

Mit Claus Normann sprach Andrea Schorsch.

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Quelle: n-tv.de

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