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"Meine Hülle lebt, aber ich bin tot"Weg in die Computersucht

07.01.2010, 08:15 Uhr

Man will nicht mehr raus, nicht mehr reden, sich nicht mehr waschen, nicht mehr essen - man will nur noch spielen. Torben Berger hat das erlebt und einen hohen Preis bezahlt.

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Dem Computerspiel "Counterstrike" sind schon viele verfallen. (Foto: picture alliance / dpa)

Sie sitzen stundenlang am PC und vergessen dabei die reale Welt. Immer mehr Jugendliche - vor allem Jungen - gelten als computerspielabhängig. Oft verläuft der Weg in die Abhängigkeit schleichend, wie bei anderen Süchten auch. Für Torben Berger (Anmerkung: Name geändert) war das Spielen am Computer anfangs bloß ein Zeitvertreib: "Ich hatte sonst nichts anderes zu tun", erzählt der 18-Jährige aus dem Landkreis Osnabrück. Mehr als ein Jahr lang war er dem berüchtigten Online-Computerspiel "Counterstrike" ("Gegenschlag") verfallen. Im Endstadium wollte er nicht mehr raus aus seinem Zimmer, nicht mehr arbeiten, mit anderen Menschen reden, essen oder sich gar waschen - nur noch spielen.

In "Counterstrike" bekämpfen sich zwei Gruppen. Die einen sind die Terroristen, die anderen Mitglieder einer Spezialeinheit der Polizei. Getötet wird mit Schusswaffen in allen Formen und Größen, Messern und Granaten. Was daran so faszinierend ist? "Im Nachhinein, wenn ich darüber nachdenke, eigentlich gar nichts. Es ist nur ein sinnloses Rumgeballer", sagt Torben. Als er "Counterstrike" vor anderthalb Jahren entdeckte, sah er dies noch anders. In der Firma, wo er damals seine Lehre absolvierte, fühlte er sich gemobbt: "Wenn ich nach Hause gekommen bin, war ich deswegen immer mächtig angefressen. Dann zog ich mich in mein Zimmer zurück, habe den Kopfhörer aufgesetzt und mich von der Melodie und den Geräuschen des Spiels ablenken lassen."

Flucht vor der Wirklichkeit

Die Flucht vor der Wirklichkeit dauert für Torben von Tag zu Tag länger. Schon bald sind es neun Stunden nach Feierabend. Der Lohn für seine Lehre als Anlagenmechaniker geht nun komplett fürs Spielen drauf. Geld, um abends mal auszugehen, ist keins mehr da. Aber für seine Freunde im realen Leben interessiert sich Torben eh nicht mehr. Seine Mitspieler in der virtuellen Gruppe setzen ihn mächtig unter Druck: "Wenn man nicht regelmäßig online war, wurde man rausgeschmissen und hat Minuspunkte bekommen oder das Ranking ist runtergegangen."

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Eltern stehen der Sucht ihrer Kinder oft hilflos gegenüber. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Dass etwas mit ihm nicht stimmt, merkt Torben immerhin irgendwann selbst. "Meine Hülle lebt, aber ich bin tot", gesteht er eines Tages seiner Mutter. Die Eltern sind geschockt. Wenig später erkrankt Torben ernsthaft, muss am Darm operiert werden. Der Arzt schreibt ihn für mehrere Wochen arbeitsunfähig. Insgeheim freut sich Torben, denn nun hat er noch mehr Zeit zum Spielen. "Wir haben uns den Mund fusselig geredet, aber an Torben war schon kein Herankommen mehr", erinnert sich Mutter Karin. Die besorgten Eltern versuchen Hilfe zu finden, zunächst jedoch vergeblich: "Die Ärzte wollten Torben bloß krankschreiben und dann sollte es wieder gehen."

Krankenkasse will nicht zahlen

Ihre Sucht führt die Bergers nach Georgsmarienhütte zu Rainer Wonke von der Suchtberatungsstelle der Diakonie im Kreis Osnabrück. Der Experte für "pathologischen Mediengebrauch" zweifelt nicht, dass Torben stationäre Therapie braucht. Doch die Rentenkasse in Hannover, die den Klinikplatz bezahlen soll, stellt sich quer. "Man sagte uns, was ihr Sohn hat, ist ja keine anerkannte Krankheit. Wenn einige Leute mit dem PC nicht umgehen können, sind sie selbst schuld", erzählt Vater Jochen.

Längst hat Torben seine Lehrstelle eingebüßt. Der Beginn des neuen Lehrjahres und damit eine zweite berufliche Chance für ihren Sohn drohen zu verstreichen. Doch die Bergers lassen nicht locker, organisieren eigenmächtig den Klinikplatz und drohen der Rentenkasse, die ganze Geschichte an die Presse zu geben. Schließlich lenkt man in Hannover ein. In der Klinik wird Torben von "Hundert auf Null" abgebremst, muss lernen, sich zu öffnen. Anfangs weiß er nicht, wohin mit seinen Aggressionen. Doch dann entdeckt er die "Muckibude".

Sucht los, Job auch

Als die Eltern nach dreieinhalb Wochen erstmals zu Besuch dürfen, hat sich Torben verändert: "Er hat wieder geredet und man kam an ihn heran. In seinem Blick war wieder Leben. Nur lachen oder weinen konnte er noch immer nicht." Als Torben endlich heim kommt, sind alle guter Dinge. Er hat einen neuen Job - ein Praktikum. Doch kurz darauf muss er wieder zum Arzt. Sein Herz hat sich stark vergrößert. Als sein Chef davon erfährt, kündigt er Torben. Tatsächlich ist der junge Mann jedoch gesund, sein Herz durch das Fitness-Training nur wieder auf Normalgröße gewachsen. Mit diesen Neuigkeiten geht Torben zurück zu seinem Chef. Doch der hat inzwischen jemand neues eingestellt.

Wie es jetzt für ihn weitergehen soll, weiß Torben nicht. Doch zumindest den Weg aus der Sucht hat er geschafft.

Quelle: Guido Heisner, dpa