Frage & AntwortGibt es männliche Hebammen?

Der Beruf der Hebamme ist uralt. Er bezeichnet die Frau, die das Kind kurz nach der Geburt aufhebt und hält. Können auch Männer in diesem sensiblen Bereich bestehen?
Mich würde interessieren, ob es auch männliche Hebammen gibt. Wie lautet denn dann die korrekte Berufsbezeichnung? (fragt Jasper P. aus München)
Unserem Leser geht es in einem Punkt offenbar genauso wie uns: In seinem ganzen Bekanntenkreis hat sich niemand gefunden, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der… Oder kennen Sie eine Frau, die in der Schwangerschaft oder bei der Geburt von einem Entbindungspfleger – so die offizielle Berufsbezeichnung für männliche Hebammen – betreut wurde? Wahrscheinlich nicht. Unsere Anfrage beim Deutschen Hebammenverband e.V. ergab, dass dort zurzeit genau ein Entbindungspfleger organisiert ist. Er arbeitet zusammen mit seiner Frau in einer Hebammenpraxis. In deutschen Kreißsälen und Geburtshäusern ist kein einziger Entbindungspfleger anzutreffen. Daran ändern auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes nichts, das deutschlandweit vier Entbindungspfleger ausweist.
Neuer Trend in der Gynäkologie
Das mag verblüffen. Schließlich sind männliche Gynäkologen in Deutschland keine Seltenheit. Wie uns Maria-E. Lange-Ernst vom Bundesverband der Frauenärzte e.V. sagte, sind von den dort registrierten 13.536 Gynäkologen 7383 weiblich und 6153 männlich. Die Frauen sind hier auf dem Vormarsch. Das ist durchaus eine Erwähnung wert, denn es war, wie Lange-Ernst betont, lange Zeit ganz anders: Während in Ostdeutschland die Frauenheilkunde immer weiblich besetzt war, galt im Westen auch die Gynäkologie als Männerdomäne. Erst seit wenigen Jahren geht der Trend in eine andere Richtung.
Warum gibt es so wenige Entbindungspfleger?
Dr. Edith Wolber, Pressereferentin des Deutschen Hebammenverbandes e.V., erklärt uns: "Bei Schwangerschaft, Geburt und Nachsorge geht es um geschlechtssensible Medizin. Da wollen Frauen von Frauen betreut werden." Auch Regine Knobloch, Hebamme aus Karlsruhe, bestätigt: "Zu ihrer Hebamme hat die Frau eine ganz andere Beziehung als zu ihrer Ärztin oder ihrem Arzt. Die Zusammenarbeit mit der Hebamme ist eine viel intimere. Da ist viel Vertrauen nötig. Mit Arzt oder Ärztin muss eine entbindende Frau nicht stundenlang zu tun haben. Mit der Hebamme schon." Darauf weist auch Wolber hin: "In den Kreißsaal kommt ein Arzt nur, wenn es Schwierigkeiten gibt. Es ist vorgeschrieben, dass bei der Geburt eine Hebamme anwesend ist. Ein Arzt dagegen wird nur hinzugezogen, wenn es pathologisch wird."
Offenheit als zentrales Thema
In Internetforen berichten Frauen, wie wichtig es ihnen ist, ihrer Hebamme ungehemmt gegenübertreten zu können. Oft wünschen sie sich eine Hebamme, die selbst Kinder hat, die also die Erfahrungen der Schwangeren teilt und die aus erster Hand von Schwangerschaft und Geburt erzählen kann. Oft können Frauen mit Frauen besser reden und sie fühlen sich "unter ihresgleichen" wohler. "Frauen werden als Ansprechpartnerin von werdenden Müttern bevorzugt", formuliert es Wolber. "Offenheit ist hier ein wichtiges Thema."
Doch wie Forenbeiträge zeigen, gibt es auch Frauen, für die fachliche Kompetenz an erster Stelle steht. Wie Knobloch sagt: "Sicherlich würde manch ein Entbindungspfleger seine Arbeit genauso gut machen wie seine weiblichen Kolleginnen. Doch was man nicht kennt – in diesem Fall männliche Hebammen –, lehnt man auch schneller ab."
In Deutschland haben Männer erst seit 1985 die Möglichkeit, Entbindungspfleger zu werden. Bewerber gibt es kaum. Das liegt, wie Wolber mutmaßt, nicht zuletzt daran, dass sich die Hebammen in den letzten Jahren so stark gemacht haben für ihren Beruf – einen traditionell weiblichen Beruf.
In anderen Ländern sind mitunter mehr Entbindungspfleger tätig, zum Beispiel in Australien und Dänemark. Doch in Deutschland haben männliche Hebammen keine Tradition. "Schwangerschaft, Geburt und Stillen sind eben", so fasst es Wolber zusammen, "eine rein weibliche Angelegenheit."