Wissen
(Foto: picture alliance / dpa)

Frage & Antwort, Nr. 461: Hat Jesus tatsächlich existiert?

Von Fabian Maysenhölder

Wir feiern jedes Jahr Weihnachten - und damit die Geburt eines Mannes namens Jesus, der vor rund 2000 Jahren gelebt haben soll. In letzter Zeit begegnet mir immer wieder die Ansicht, Jesus habe als historische Person nie existiert. Baut das Christentum auf einer Erfindung auf? (fragt Herbert K. aus Köln)

Kurz vor Weihnachten stellt sich die ganz große Frage: Hat Jesus von Nazareth, der Mann, der von Christen seit knapp 2000 Jahren als "Sohn Gottes" verehrt wird, tatsächlich existiert? Auf den ersten Blick mutet es angesichts der Wirkungsgeschichte als absurde Frage an. Aber: Es erscheinen tatsächlich immer wieder Texte und gelegentlich Bücher, die genau dies behaupten: Jesus hat es nie gegeben. Nicht zuletzt begeben sich einige Vertreter des sogenannten "Neuen Atheismus" in das Fahrwasser dieser Tradition, die seit der Aufklärung immer wieder die Existenz eines historischen Jesus infrage stellt. Man bezeichnet diese Tradition als Jesus-Mythos oder Nichthistorizitäts-Hypothese.

Um die Antwort auf die Frage überschaubar zu halten, soll es nicht darum gehen, ob Jesus so, wie er uns in der Bibel dargestellt wird, existiert hat. Inwieweit bestimmte Zuschreibungen zutreffen, soll außen vor bleiben. Die gestellte Frage geht nämlich noch einen Schritt weiter: Gab es überhaupt eine historische Person, auf der die Erzählungen gründen?

Josephus, Tacitus, Plinius

Lässt man die biblischen Quellen außer Acht, so gibt es dennoch einige Überlieferungen, die eine historische Person Jesus erwähnen: allen voran Flavius Josephus, ein jüdischer Geschichtsschreiber aus dem 1. Jahrhundert. Er erwähnt Jesus an zwei Stellen. Eine der beiden ist umstritten und könnte möglicherweise im Laufe der Überlieferung verfälscht worden sein, enthält aber aller Wahrscheinlichkeit nach einen historischen Kern. Die zweite schätzen Historiker fast einstimmig als echt ein. Darin heißt es: "Er [der Hohepriester, Anm.d.Red.] versammelte daher den Hohen Rat zum Gericht und stellte vor diesen den Bruder des Jesus, der Christus genannt wird, mit Namen Jakobus, sowie noch einige andere, die er der Gesetzesübertretung anklagte und zur Steinigung führen ließ." Josephus ist deshalb als Quelle so bedeutend, weil er selbst dem pharisäischen Judentum angehörte und kein Interesse daran hatte, Christen in die Karten zu spielen.

Auch bei römischen Schriftstellern wie Plinius dem Jüngeren und Tacitus finden sich Notizen über Jesus, die unter anderem seinen gewaltsamen Tod erwähnen. Tacitus zum Beispiel ist sich sicher: "Christus" ist ein Jude, der unter Pontius Pilatus hingerichtet wurde. Und: Er ist der Begründer einer Bewegung, die sich "Christen" nennen und zur Zeit Neros in Rom bekannt waren.

Die außerbiblischen Quellen haben aber vor allem zwei wichtige Funktionen: Zum einen belegen sie, dass selbst härteste Gegner des Christentums nicht auf die Idee kamen, die Existenz Jesu anzuzweifeln. Zum anderen lassen sie sich in dem wenigen, das sie überliefern, gut mit dem vereinbaren, was auch in biblischen Texten erzählt wird: Jesus wurde gekreuzigt und hatte einen Bruder namens Jakobus.

Evangelien - durchweg unglaubwürdig?

Und damit muss noch eine andere Frage gestellt werden: Warum sollten die biblischen Evangelien und etwa die Berichte des Paulus als historische Zeugnisse überhaupt außen vor bleiben? Freilich finden sich darin zahlreiche Zuschreibungen auf Jesus, die kritisch auf ihre Intention hin überprüft und hinterfragt werden müssen. Biblische Texte aber nur aufgrund der Tatsache, dass sie von Anhängern Jesu geschrieben worden sind, als komplett und durchweg unglaubwürdig zu verwerfen, ist aus quellenkritischer Sicht schlicht absurd. Viele Geschichtswissenschaftler nehmen Abschnitte der Evangelien und biblischer Texte heute als historisch zuverlässig ernst.

So spricht zum Beispiel der häufig vorgebrachte Einwurf, die Evangelien würden sich in ihrer Beschreibung des Lebens Jesu widersprechen, eher für eine Authentizität als für eine Erfindung. Die Widersprüche weisen auf verschiedene Überlieferungen mit Blick auf den historischen Jesus hin. Handelte es sich einfach nur um eine Erfindung, wäre hier deutlich mehr homogenisiert worden.

Ockhams Rasiermesser

Um davon überzeugt zu sein, dass Jesus eine historische Person war, muss man kein Christ sein. Selbst eifernde Atheisten wie Richard Dawkins bezweifeln nicht ernsthaft die Existenz des Menschen Jesus von Nazareth. Schlicht, weil aus historisch-kritischer wissenschaftlicher Perspektive alles dafür spricht, dass es ihn gegeben hat.

Letztlich müssen sich Vertreter eines Jesus-Mythos auch "Ockhams Rasiermesser" stellen. Dahinter verbirgt sich das von Wilhelm von Ockham formulierte wissenschaftstheoretische Sparsamkeitsprinzip. Es besagt, dass von mehreren möglichen Erklärungen für einen Sachverhalt die einfachste allen anderen vorzuziehen ist. Und Fakt ist: Wer behauptet, dass ein historischer Jesus nicht existiert hat, geht mit vielen Grundannahmen an die Interpretation der Quellen heran. Viel einfacher - und deshalb auch nicht ernsthaft anzuzweifeln - ist die Erklärung: Jesus hat existiert.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen