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Rund fünf Jahre lang hatte sich Baumgartner auf diesen Moment vorbereitet.
Rund fünf Jahre lang hatte sich Baumgartner auf diesen Moment vorbereitet.(Foto: n-tv)

Frage & Antwort, Nr. 249: Ist Baumgartner gesprungen?

von Andrea Schorsch

Ist Felix Baumgartner wirklich gesprungen? Oder hatte da vielleicht doch Hollywood seine Finger im Spiel? (fragt Günter P. aus Lehrte)

Kaum war Felix Baumgartner aus 39 Kilometern Höhe zurück zur Erde gesprungen, kursierten im Internet schon die ersten Verschwörungstheorien: Die einen sprachen von Computer-Animation, andere munkeln, der österreichische Extremsportler sei nur vom Stuhl gehüpft und der Rest der Aufnahmen zusammenmontiert worden. Keine der Thesen überzeugt. Sie wecken nicht einmal Zweifel am freien Fall aus der Stratosphäre - und das, obwohl der die Grenzen des eigenen Vorstellungsvermögens bei Weitem übersteigt. Haben Verschwörungstheorien rund um Baumgartner gar keine Chance?

Die Sache mit dem Sündenbock

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Thomas Grüter spricht ihnen tatsächlich jede Schlagkraft ab. Grüter ist Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie der Universität Bamberg und Autor des Buches "Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer". "Generell", so sagt er gegenüber n-tv.de, "ist nicht zu erwarten, dass diese Verschwörungstheorien zum Baumgartner-Sprung ernst genommen werden." Grüter kann auch erklären, woran das liegt: "Zum einen ist das Thema relativ unwichtig, zum anderen ist die Geschichte durchaus plausibel." Und nicht nur das, ihr fehlt zudem ein zentraler Aspekt: Die Baumgartner-Sensation ist ungeeignet für Sündenbock-Szenarien. "Die meisten populären Verschwörungstheorien", erläutert Grüter, "befassen sich eher mit Kriegen, großen Verbrechen oder Katastrophen, also mit Ereignissen, bei denen Schuld zugewiesen werden soll."

Wer sich intensiv mit Verschwörungstheorien beschäftigt, weiß, dass sie bestimmten Mustern folgen. Unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Verschwörungstheorie ist laut Grüter "ein latentes Misstrauen gegenüber einer bestimmten sozialen, ethnischen oder religiösen Gruppe." Dazu gesellt sich die Vorstellung, diese Gruppe plane heimlich böse oder verbrecherische Taten. Grüter spricht vom "Verschwörungsglauben". Bei einem konkreten Ereignis entwickelt sich aus diesem Glauben die Verschwörungslegende. Sie stellt den Vorfall als Ergebnis eines Komplotts dar. Wird der als Teil einer fortlaufenden Geheimaktion betrachtet, ist die Verschwörungstheorie geboren.

Schuld sind die, die profitieren

Die vermeintlichen Drahtzieher hinter einer Konspiration sind variabel, letztlich aber immer dieselben: Geheimbünde, Großkonzerne, Banken, das "Weltjudentum" oder Geheimdienste, manchmal auch Pharmakartelle und einzelne Vereinigungen. Sie also, so meinen Verschwörungsgläubige, manipulieren die Welt im großen Stil nach ihren eigenen Interessen. Wenn man weiß, wer der Nutznießer ist, kennt man den Verschwörer - so der Gedankengang. Macht ist demnach das Ziel eines jeden Komplotts. Sie zu erreichen, versuchen die Verbündeten auf dem Wege der Täuschung. Sonst würde die Verschwörung auffliegen. Die Formel lautet daher nicht: Rumpelstilzchen ist schuld, sondern: Rumpelstilzchen ist schuld, lässt es aber so aussehen, als wäre es das Tapfere Schneiderlein gewesen.

Verschwörungstheorien liefern damit vergleichsweise einfache Lösungen für komplexe Sachverhalte. "'Irgendetwas'", formuliert Bernd Harder von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), "scheint nach dem persönlichen Empfinden vieler Menschen mit unserer Welt nicht mehr zu stimmen - und da die tatsächlichen Ursachen und Gründe für internationalen Zwist, Terroranschläge, Seuchen, Teuerungswellen, Massenarbeitslosigkeit, Hungersnöte etc. schwer durchschaubar sind, schießen einfache Antworten auf sehr komplizierte Fragen ins Kraut".

Keine Beweise? Gut vertuscht!

Oft ergänzt dann eine Theorie die andere, und - ganz wichtig - Zufälle werden ausgeschlossen. Verschwörungstheorien liefern stets den kausalen Zusammenhang, nach dem man sonst vielleicht vergeblich sucht. Dabei sind auch Widersprüchlichkeiten erlaubt. Denn eine Verschwörungstheorie bedarf keiner Rechtfertigung. "Verschwörungstheorien sind selbstimmunisierend", sagt Harder und konkretisiert, was er damit meint: "Sie sind weder zu beweisen, noch zu widerlegen, und jeder Kritiker kann problemlos verdächtigt werden, selbst Teil der Verschwörung zu sein." Fehlen Beweise, dann bedeutet das in den Augen der Legenden-Anhänger eben nicht, dass es keine Verschwörung gibt. Ganz im Gegenteil sehen sie ausgerechnet im Mangel an Beweisen ein stichhaltiges Indiz für einen Komplott. Die Spuren wurden dann eben perfekt verwischt - so die Argumentation.

Für das eigene Selbstwertgefühl kann es durchaus von Vorteil sein, einer Verschwörungstheorie anzuhängen. Man gehört dann zu den überlegenen "Wissenden". Doch für andere stellen die Gedankenkonstrukte eine mitunter gar tödliche Gefahr dar: Man denke an die Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit oder an die "Protokolle der Weisen von Zion", die gefälschte Hetzschrift, mit der Hitler den Genozid an den Juden rechtfertigte.

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Besonders verbreitet waren Verschwörungstheorien in der Hochphase des Kalten Krieges, den 1950er und 1960er Jahren. Kein Wunder: In diesen Zeiten gab es klare Feindbilder; eine Gruppe, der viele Menschen einen Komplott zutrauen würden, war schnell gefunden. Auch die Verschwörungstheorie von der vorgetäuschten Mondlandung ist vor diesem Hintergrund zu sehen: Nach Sputnik, Lunik 2 und dem ersten bemannten Raumflug mit Juri Gagarin standen die USA beim Wettlauf ins All unter Erfolgsdruck. Da kam die Mondlandung mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin gerade recht. Dafür, dass sie nicht im Filmstudio inszeniert wurde, gibt es zahlreiche Beweise. Dennoch lebt die Legende. "Sie bezieht ihre Glaubwürdigkeit daraus", erklärt Experte Thomas Grüter gegenüber n-tv.de, "dass viele Menschen diese gewaltige Leistung entweder für unmöglich halten oder den Amerikanern beim technischen Stand von 1969 nicht zutrauen."

Menschen lieben Gerüchte

Eine Verschwörungstheorie muss aber nicht nur nachvollziehbar sein. Ob sie erfolgreich ist, hängt noch von einem anderen Faktor ab: "Sie muss gut - das heißt: spannend - erzählt sein", so Grüter. Wie bei einem Gerücht verbreiten sich auch bei einer Verschwörungstheorie besonders die dramatischen und emotionalen Szenen weiter.

Damit kommen wir auf Baumgartner zurück. Dass sich zu seinem Sprung vereinzelt Zweifler äußern, heißt noch nicht, dass deren Spekulationen ein großes Publikum finden. "Heutzutage", resümiert Grüter, "ist eigentlich nicht mehr die Frage, ob eine Verschwörungstheorie im Internet auftaucht - das tut sie fast immer -, sondern ob außer dem Autor eine nennenswerte Zahl von Menschen daran glauben mag. Bei Verschwörungstheorien zum Baumgartner-Sprung aber würde ich das eher für unwahrscheinlich halten."

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Quelle: n-tv.de

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