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Die Menschheit könnte theoretisch auch mit weniger Männern überleben.
Die Menschheit könnte theoretisch auch mit weniger Männern überleben.(Foto: imago/JOKER)

Frage & Antwort, Nr. 422: Warum ist das Geschlechterverhältnis 50:50?

Von Jana Zeh

Immer mal wieder liest man, dass es genauso viele Männer wie Frauen auf der Erde gibt. Stimmt das wirklich? Und wenn ja, warum ist das so? (fragt Caro S. aus Berlin)

"Tatsächlich ist das Geschlechterverhältnis weltweit betrachtet nahezu bei 50:50", sagt Prof. Manfred Milinski vom Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön. Es gibt zwar geringe Abweichungen zugunsten der Männer. Doch die eigentlich wichtige Frage aus evolutionsbiologischer Sicht lautet: Warum gibt es so viele Männer? Jeder Rinderbauer beispielsweise hat für Hunderte Kühe auch nur einen einzigen Bullen. Also würden theoretisch auch wenige Männer ausreichen, damit die Menschheit überlebt. Warum also macht sich die Natur "die Mühe", so viele männliche Nachkommen zu "produzieren"?

Ein Rothirsch beim Röhren in der Brunftzeit.
Ein Rothirsch beim Röhren in der Brunftzeit.(Foto: imago/blickwinkel)

Es geht vor allem darum, die besten Strategien zu finden, um die eigenen Gene so weit und so zahlreich wie möglich in den nächsten Generationen unterzubringen. "Das sind natürlich keine bewussten oder aktiv beeinflussbare Dinge, über die wir hier sprechen", betont Milinski und führt mit einem Beispiel in das komplexe Thema ein: Rothirsche leben in Rudeln, die in Europa bis zu 200 Tiere umfassen, zusammen. Auch bei dieser Art gibt es ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis, aber nur der sogenannte Platzhirsch, das stärkste Tier im Rudel, begattet die paarungsbereiten Hirschkühe.

"Ist ein Hirschkuh schlecht versorgt, weil sie beispielsweise verletzt ist, dann hat es aus evolutionsbiologischer Sicht keinen Sinn, dass sie ein männlichen Nachkommen bekommt, denn nur die stärksten Tiere haben eine Chance, irgendwann in ihrem Leben zum Platzhirsch zu werden", so Milinski. Und ein bereits im Mutterleib nicht optimal versorgter Embryo hat äußerst geringe Chancen, ein starker Rothirsch zu werden. Folgerichtig hat sie viel mehr weibliche Nachkommen, die alle zur Fortpflanzung kommen werden. Aber in der Population gibt es trotzdem 50 Prozent Männchen.

Und beim Menschen?

Ein neugeborenes Zwillingspaar.
Ein neugeborenes Zwillingspaar.(Foto: imago/Westend61)

Um den Sachverhalt besser erklärbar zu machen, ist ein Gedankenexperiment von Nutzen. Wenn man sich vorstellt, dass das Geschlechterverhältnis bei 10:100 liegen würde, also bei 10 Jungen und 100 Mädchen, dann hätten Eltern über einen Jungen 10 Mal mehr Gene in der Enkelgeneration als über eine Tochter: jeder in der Enkelgeneration hat einen Vater und eine Mutter; den väterlichen Anteil teilen sich dann zum Beispiel 10 Väter und den mütterlichen 100 Mütter. Die Gene der Großeltern wären also über einen Sohn mit einem zehnfachen Anteil in Bezug auf die gesamte Enkelgeneration vertreten als über ein Mädchen. Es würden Söhne entstehen, bis das Geschlechterverhältnis wieder ausgeglichen ist. "Auch wenn es mal eine Überzahl in dem einen oder dem anderen Geschlecht geben sollte, wird das Ungleichgewicht über die Generationen relativ schnell wieder ausgeglichen. Es spielt also gar keine Rolle, dass Söhne theoretisch viel mehr Kinder haben könnten als Töchter", betont der Experte.

"Alles, worüber wir gerade sprechen, geht auf den größten Evolutionsbiologen aller Zeiten zurück. Ronald Aylmer Fisher veröffentlichte 1930 sein Buch 'Genetical Theory of Natural Selection', die eigentliche Bibel der Evolutionstheorie", erklärt Milinski. Die darin beschriebenen Theorien nehmen die Hypothesen Darwins auf und stellen mathematische Beweise dar. Fisher gelingt es zudem eine Menge Widersprüche Darwins aufzuklären. Darwin hatte oft unrecht, Fisher hatte immer recht.

Umwelteinflüsse scheinen einen Einfluss auf die Geschlechterverteilung zu haben. US-Wissenschaftler kamen 2013 zu dem Schluss, dass in Zeiten von Hunger, anders als sonst, mehr Mädchen als Jungen geboren werden. Als Grund wird vermutet, dass weibliche Ungeborene insgesamt "anspruchsloser" seien als männliche Ungeborene.

Übrigens: In Deutschland wurden 2013 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 349.820 Jungen und 332.249 Mädchen geboren. Das entspricht einem Verhältnis von 51:49. 

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Quelle: n-tv.de

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