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Hier ist es nicht die Dusche allein. Auch der Blick aufs Meer kann die Ideen sprudeln lassen.
Hier ist es nicht die Dusche allein. Auch der Blick aufs Meer kann die Ideen sprudeln lassen.(Foto: AP)

Frage & Antwort, Nr. 412: Warum macht Duschen kreativ?

Von Andrea Schorsch

Stundenlang versucht man, eine Lösung zu finden, denkt in die eine Richtung, denkt in die andere, dreht sich im Kreis, kommt zu keinem Ergebnis. Schluss für heute. Wenig später dann die Erleuchtung. Einfach so. Unter der Dusche. Warum?

Ich merke immer wieder, dass ich die besten Ideen nicht am Schreibtisch habe, sondern unter der Dusche. Warum ist man da viel kreativer? (fragt Ansgar P. aus Bremen)

Mit den guten Ideen ist es so eine Sache. Tatsächlich kommen sie oft unerwartet. Auf einmal sind sie da, in Momenten, in denen man nicht mit ihnen rechnet. Meist hat man das Projekt, über das man so angestrengt nachgedacht hat, gerade für eine kleine Weile hinter sich gelassen. Aber ist es wirklich das Duschen, das kreativ macht?

"Das Aha-Erlebnis" von John Kounios und Mark Beeman ist 2015 in der Deutschen Verlagsanstalt erschienen und kostet 19,99 Euro.
"Das Aha-Erlebnis" von John Kounios und Mark Beeman ist 2015 in der Deutschen Verlagsanstalt erschienen und kostet 19,99 Euro.

Wir fragen John Kounios, Professor für Psychologie an der Drexel Universität in Philadelphia, USA. Gemeinsam mit Mark Beeman, ebenfalls Psychologe, hat er Das Aha-Erlebnis geschrieben, ein Buch, das erklärt, wie plötzliche Einsichten entstehen und wie wir sie erfolgreich nutzen. "Ja", sagt Kounios, "es ist nicht nur die allgemeine Vorstellung, dass Duschen die Kreativität ankurbelt, sondern es gibt empirische Nachweise, die diese Ansicht stützen."

Autowaschen geht auch

Allerdings ist Duschen nicht die einzige Tätigkeit, die uns auf gute Ideen bringen kann. Prinzipiell schaffen das auch Zähneputzen, Autowaschen oder Holzhacken - zum Beispiel. "Ein Geistesblitz kann uns zu jeder Zeit und an jedem Ort kommen", sagt Kounios, "sogar im Schlaf. Die Wahrscheinlichkeit dafür sinkt jedoch, wenn wir mental gerade sehr gefordert sind und uns mit Aufgaben beschäftigen, die unsere gesamte Aufmerksamkeit verlangen."

Die Muse küsst uns eben gerne dann, wenn wir gerade nichts Spezielles zu tun haben oder uns Dingen widmen, in die wir kaum Gehirnschmalz investieren müssen. Dass sie beim Duschen besonders aktiv ist, hat, wie Kounios erklärt, noch einen weiteren Grund: Die Sinne werden beruhigt. "Da ist dieses gleichmäßige Rauschen, der Blick ist verschwommen und das warme Wasser macht es schwer, die Grenze zwischen der Haut und der umgebenden Luft zu spüren. Es gibt also weniger Ablenkungen von außen, die den Assoziationsfluss stören könnten."

Miese Laune verengt den Blick

Um der Kreativität auf die Sprünge zu helfen, ist es grundsätzlich gut, die Gedanken schweifen zu lassen. Dann nämlich gelingt es, auch weniger naheliegende Lösungen zu sehen und Ideen zu entwickeln, die zunächst nur entfernt mit dem Problem zu tun zu haben scheinen. "Dieses leicht chaotische Denken ist es, das Material für Kreativität liefert", sagt der Experte.

Auch die Umgebung trägt mitunter zur Erleuchtung bei, denn auch sie kann im schlechten Fall einengend, idealerweise aber entfaltend auf Gedanken und Aufmerksamkeit wirken. Für die Kreativität macht es einen Unterschied, ob wir uns in einem vollgestopften, unaufgeräumten Büro aufhalten (das schränkt das Denken ein) oder ob wir uns in einem schönen Raum mit hohen Decken oder in der freien Natur befinden (da öffnet sich der Blick und mit ihm auch die Gedanken).

Und noch etwas ist entscheidend für den Einfallsreichtum: die eigene Stimmung. "Bei guter Laune", erklärt Kounios, "wird ein Gehirnteil aktiver, der den Rest des Denkapparats nach Signalen durchsucht - darunter auch schwach aktivierte, unbewusste Ideen. Die können dann als Aha-Erlebnis ins Bewusstsein drängen." Wer fröhlich ist, sieht daher sehr viel mehr Möglichkeiten als jemand, der bedrückt, verärgert oder ängstlich ist. Schlechte Stimmung engt das Denken ein. Was bei mieser Laune aber gut funktionieren kann, ist analytisches Arbeiten. Dieses ist irgendwann sowieso gefragt: "Nach dem Geistesblitz gilt es, ihn auszuwerten, zu verfeinern und schließlich umzusetzen", sagt der Psychologe. "Für das kreative Endprodukt ist es daher oft nötig, zwischen kreativen und analytischen Gedanken hin- und herzuwechseln."

Wie das am besten klappt, wissen wir jetzt: mit schöpferischen Pausen, viel Muße - und regelmäßigem Duschen.

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Quelle: n-tv.de

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