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Die Struktur ist effizient und stabil. Aber "wissen" Bienen das?
Die Struktur ist effizient und stabil. Aber "wissen" Bienen das?(Foto: imago/M.Zettler)

Frage & Antwort, Nr. 480: Warum sind Bienenwabenzellen sechseckig?

Von Andrea Schorsch

Ihre Gleichmäßigkeit verblüfft. Die Waben eines Bienenstocks sind kunstvolle Architektur. Jede Zelle ist ein Sechseck, jeder Winkel misst genau 120 Grad. Sind Bienen mathematisch begabt oder wie bekommen sie ein solches Bauwerk hin?

Wenn die Kirschbäume blühen, hat die Bienenkönigin viel zu tun: 2000 Eier legt sie dann - täglich. So kann ein Bienenvolk, das Mitte April noch 6000 Individuen zählte, bis Mitte Juni auf 50.000 heranwachsen. Damit die Brut gut untergebracht ist, müssen Wabenzellen her. Viele Baubienen sind also damit beschäftigt, bestehende Zellen um neue zu erweitern. Und immer gelingt es ihnen, aus hauchdünnem Wachs vollkommen gleichmäßige Sechsecke zu errichten. Eine wunderbar exakte Struktur.

Seit Jahrhunderten schon versucht die Wissenschaft zu verstehen, wie diese überraschend regelmäßigen Wabenzellen zustande kommen. Nicht allein, dass jeder ihrer Winkel genau 120 Grad misst, auch sind die Wände frisch gebauter Zellen überall gleich dick und noch dazu perfekt geglättet.

Johannes Kepler, der berühmte Astronom und Mathematiker, der vor 400 Jahren lebte, schrieb den Bienen einen mathematischen Verstand zu. Tatsächlich lässt sich mathematisch beweisen, dass sechseckige Wabenzellen am effizientesten sind: Sie kommen mit einem Minimum an Wachs aus, haben das größtmögliche Fassungsvermögen und sind auch noch besonders stabil. Doch "wissen" Bienen das? Berücksichtigen sie das instinktiv?

Die Wärme macht's

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Liebevoll gestaltet und anschaulich geschrieben: "Die Honigfabrik" hat 288 Seiten und einen farbigen Bildteil und kostet 19,99 Euro.(Foto: Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen / Gütersloher Verlagshaus)

Jüngere Forschungsansätze sprechen dagegen. "Die frisch errichteten Zellen sind zunächst gar nicht sechseckig, sondern rund", sagt Prof. Jürgen Tautz, emeritierter Bienenwissenschaftler an der Universität Würzburg und Initiator von HOBOS, den HOneyBee Online Studies. Tautz und sein Team haben mit neuen Untersuchungstechniken - wie etwa einer Wärmebildkamera - in den Bienenstock geschaut und die Temperaturen im Bienenvolk sehr kleinräumig und genau gemessen.

Dabei stellten sie fest, dass die Baubienen die neuen, runden Zellen am Rand der Wabe anlegen und dabei, wie Tautz sagt, "ihren eigenen Körper als Schablone benutzen können". Danach geschieht etwas für die Zellform sehr Wichtiges: Die Heizerbienen sind am Zug. Sie werden so genannt, weil sie dafür sorgen, dass es die Brut in den Wabenzellen des Brutnestes schön warm hat. "Heizerbienen schlüpfen in die frisch entstehenden Zellen hinein und bringen die Wände und Böden auf eine Temperatur von über 40 Grad Celsius", erläutert Tautz. Dafür benutzen die Bienen ihre Flugmuskulatur. Mit der zittern sie bei ausgeklinkten Flügeln - wie ein Motor im Leerlauf - und erzeugen so die nötige Wärme.

Doch was geschieht, wenn Wachs warm wird? Klar, es wird weicher und verformt sich. Während die Bienen nun dabei sind, die zunächst runden Zellen ein wenig in die Länge zu ziehen, bewirkt die Wärme, wie Tautz ausführt, dass die Wände dabei ganz glatt gezogen werden. Es passiert das Gleiche wie zum Beispiel bei Seifenblasen: "Wenn zwei Seifenblasen zusammenstoßen", veranschaulicht der Forscher, "entsteht zwischen ihnen ganz von selbst eine vollkommen ebene und überall gleich dicke Wand." Rund sind die Blasen an dieser Stelle nicht mehr. Dieses Phänomen ist bei einer Wabenzelle, die von sechs anderen Zellen umgeben ist, gleich an sechs Seiten zu beobachten. "Die innere mechanische Spannung der Zellwände zieht das geschmeidig gewordene Wachs so zurecht, dass jede der dicht gepackten Zylinder-Zellen am Ende des Prozesses sechs gerade Wände ausbildet", erklärt Tautz.

Von "Callboy" bis Spaßbremse

Die Sechsecke entstehen unter den gegebenen Bedingungen also von ganz allein. Mathematisches Können brauchen die Bienen dafür nicht. Es sind vielmehr die physikalische Beschaffenheit von Wachs und die Fähigkeit der Bienen, es zu erwärmen, die zu der beeindruckenden Waben-Architektur führen.

Dennoch haben Bienen - auch ohne mathematische Begabung - viele erstaunliche Talente. Tautz beschreibt sie zusammen mit dem Imker Diedrich Steen in dem Buch "Die Honigfabrik". Auf fast 300 Seiten erzählen die Autoren, was Bienen können und wie das Leben in einem Bienenkasten funktioniert. Während Steen aus der Praxis berichtet, liefert Tautz die wissenschaftlichen Hintergründe. Was hat es mit dem Wabentelefon auf sich? Was treiben die männlichen Bienen und wie bringt die Königin ihre "Callboys" förmlich zum Explodieren? Wie überhaupt produzieren Bienen Honig? Und warum ist der Imker eine Spaßbremse? Auf amüsante und zugleich fundierte Weise geben Tautz und Steen Antworten. Dabei kommen sie zu dem Schluss: "Bienen lehren uns, wieder zu staunen über die Wunder, von denen wir umgeben sind." - Das perfekte Sechseck ist da nur ein Beispiel von vielen.

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Quelle: n-tv.de

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