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Seit dem Mittelalter geben Bauern ihre meteorologischen Beobachtungen von Generation zu Generation weiter.
Seit dem Mittelalter geben Bauern ihre meteorologischen Beobachtungen von Generation zu Generation weiter.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 22. November 2011

Frage & Antwort, Nr. 199: Was ist dran an Bauernregeln?

von Andrea Schorsch

Ich habe von einer Bauernregel gehört, die besagt, dass der Winter mild wird, wenn der September besonders warm war. Was sagen Meteorologen dazu? Ist an dieser Regel was dran? Wird der Winter wirklich nicht so kalt? Wie zutreffend sind Bauernregeln im Allgemeinen? (fragt Holger D. aus Berlin)

Ist der September lind, wird der Winter schwach wie ein Kind – das dürfte die Wetterweisheit sein, um die es unserem Leser bei seiner Frage geht. Da können wir allerdings gleich noch eine andere Regel mit ins Spiel bringen. Nach dem September war schließlich auch der Oktober in diesem Jahr sehr sonnig. Und hier lautet der bäuerliche Spruch des Monats: Ist der Oktober lind und fein, so folgt ein strenger Winter drein.

Auf was für einen Winter dürfen wir uns nun also einstellen? "Schwach wie ein Kind" oder "streng"? Ganz gleich, von welcher Seite er sich zeigen wird: Der Winter erfüllt eine Bauernregel.

Welche Regel greift?

Doch fragen wir einen Experten. Horst Malberg ist Professor a.D. des Instituts für Meteorologie der Freien Universität Berlin. Er beschäftigt sich ausgiebig mit Bauernregeln. Anhand von meteorologischen Daten aus mehr als hundert Jahren hat Malberg viele der auf dem Acker beobachteten Wettertrends und Erntevorhersagen untersucht. Die Ergebnisse hat er 1989 in einem Buch zusammengefasst. Es heißt "Bauernregeln. Aus meteorologischer Sicht".

2011 war der September spürbar wärmer als in anderen Jahren.
2011 war der September spürbar wärmer als in anderen Jahren.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Malberg weiß, dass sich die vom Leser angesprochene Septemberregel oft tatsächlich bestätigt: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 bis 85 Prozent trifft sie ein. Und der September, so führt der Meteorologe aus, "war in Deutschland in der Tat überwiegend zu mild, in Berlin beispielsweise um knapp zwei Grad". Doch wenn der Winter demzufolge nun schwach wird wie ein Kind, heißt das nicht, dass er keine Kältephasen haben wird. "Es bedeutet vielmehr", betont Malberg, "dass der Winter dann wechselhaft und sprunghaft ist, eben wie ein Kind, und dass wir es dann insgesamt, über die Monate betrachtet, mit einem milden Winter zu tun haben."

Wird sich die Septemberregel also voraussichtlich einmal mehr bewahrheiten? Wie steht es um die Oktoberregel, die einen strengen Winter prognostiziert?

Thermometer gab es noch nicht

"Auch diese Regel", sagt der Experte, "hat grundsätzlich eine hohe Eintreffwahrscheinlichkeit. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein sehr kalter Winter folgt, wenn der Oktober mindestens zwei Grad zu warm wird und gleichzeitig trocken ausfällt." Doch Messungen zufolge sei der letzte Oktober nur sehr wenig zu warm gewesen und insgesamt gesehen auch nicht zu trocken. Für unsere bäuerlichen Vorfahren wären diese Differenzen wohl nicht spürbar gewesen. Denn mangels Thermometer mussten sie sich bei der Entwicklung ihrer Regeln allein aufs Gefühl verlassen.

"Daher", so Malbergs Fazit, "scheidet die Oktoberregel für den jetzt bevorstehenden Winter aus, die Septemberregel aber greift. Wir haben also mit hoher Wahrscheinlichkeit einen insgesamt milden Winter zu erwarten." Schneereich kann er dennoch sein. Schließlich fällt der meiste Schnee bei etwa null Grad Celsius.

So weit zum Winter. Wie steht es nun um den Wahrheitsgehalt von Bauerregeln allgemein? Die beiden bisher angesprochenen haben Malberg zufolge eine hohe Eintreffwahrscheinlichkeit. Aber gilt das für alle Bauernregeln?

"Was ihre Gültigkeit anbelangt, muss man unterscheiden", sagt der Meteorologe. "Die Bauernregeln stammen aus dem Mittelalter. Damals waren die Klimaverhältnisse zum Teil andere als heute." Entstand eine Regel zum Beispiel in den kältesten Phasen der Kleinen Eiszeit, muss sie folglich heute nicht mehr gelten.

Aus einem verregneten Mai zogen die Bauern in unterschiedlichen Landesteilen unterschiedliche Schlüsse.
Aus einem verregneten Mai zogen die Bauern in unterschiedlichen Landesteilen unterschiedliche Schlüsse.(Foto: picture alliance / dpa)

Hinzu kommt, dass die Beobachtungen der Bauern mitunter je nach Region deutlich voneinander abwichen. So kommt es, dass es die Regel Ist der Mai kühl und nass … in über 50 Variationen gibt. An 50 Stellen haben 50 verschiedene Menschen ihre Schlüsse gezogen. Dann wurde die Regel jeweils von Generation zu Generation weitergegeben - erst mündlich, nach 1505 schriftlich.

Gilt in den Alpen, aber nicht in Berlin

"Ich würde nie sagen, dass eine Bauernregel falsch ist", sagt Malberg. "Ich kann sie womöglich nur nicht beweisen." So gibt es zahlreiche Bauernregeln, die nicht vom Januar, sondern vom Jänner sprechen. Dann ist für Malberg klar: "Diese Regel stammt aus dem Alpenraum. Und dann ist es kein Zufall, dass ich sie mit Berliner Daten nicht bestätigen kann."

So ist es auch mit der berühmten Siebenschläfer-Regel, die da heißt: Regnet es um den Siebenschläfertag, es noch sieben Wochen regnen mag. "Diese Regel hat an der Küste kaum eine Bedeutung", sagt der Wetterexperte. "Die Wahrscheinlichkeit, dass sie an der Küste stimmt, liegt bei gerade einmal 55 Prozent. Bei 50 Prozent können Sie würfeln …" Doch wie Malberg weiter ausführt, steigt die Eintreffwahrscheinlichkeit schon auf 65 Prozent, wenn man ins Binnenland kommt, in zwei von drei Fällen also trifft die Regel dann zu. Im Alpenvorland gar bestätigt sie sich in acht von zehn Fällen, also mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit. "Meteorologisch ist das leicht zu erklären", sagt der Fachmann. "Egal, wie der Siebenschläfer ist, wird die Küste immer von Tiefausläufern gestreift. Im Binnenland, und erst recht im Alpenland, wirkt sich dagegen bei dieser Situation das Azorenhoch aus. So ist die Siebenschläfer-Regel dort vorzüglich."

Und noch etwas spielt eine Rolle, wenn es um den Wahrheitsgehalt von Bauerregeln geht: Man muss sie zu interpretieren wissen. Je frostiger der Januar, desto freundlicher das ganze Jahr, lautet eine Regel, die Malberg viel Kopfzerbrechen bereitet hat. Die Weisheit ließ sich mit meteorologischen Daten nicht belegen. Weder die Temperaturen waren nach einem kalten Januar besonders freundlich, noch gab es viel Sonnenschein. Es fiel nicht einmal besonders wenig Regen. Doch plötzlich ging Malberg auf, wo der Fehler steckte: Für einen Bauern ist das Jahr dann besonders freundlich, wenn es im April und Mai viel regnet, der Juni durchwachsen ist und nur der Juli trocken und heiß. "Dem Bauern geht es nicht um freundlichen Sonnenschein", sagt Malberg. "Er wollte sich nicht auf seinen Acker legen, um sich bräunen zu lassen. Ein freundliches Jahr ist für einen Bauern ein Jahr mit einer guten Ernte!" Das gilt es immer zu bedenken.

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Quelle: n-tv.de

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