Frage & Antwort, Nr. 29Wieso werden Autos im Tunnel langsamer?

In den längeren Tunneln kommt es immer wieder zu Staus, einfach deshalb, weil Autos plötzlich langsamer fahren als erlaubt. Wie kommt es zu diesem Phänomen?"
Ich muss häufig durch Tunnel fahren. Gerade in den längeren kommt es immer wieder zu Staus, einfach deshalb, weil Autos plötzlich langsamer fahren als erlaubt. Wie kommt es zu diesem Phänomen? (fragt Sigmund K. aus Wülfrath)
Vielleicht haben Sie die Ansage schon einmal gehört: Wenn das Überwachungspersonal im Elbtunnel ein zu langsam fahrendes Auto entdeckt, ertönt über die Lautsprecheranlage die Aufforderung: "Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei. Bitte fahren Sie zügig, Sie behindern den nachkommenden Verkehr!"
Dass Fahrzeuge allzu gemütlich im Elbtunnel unterwegs sind, kommt tatsächlich so oft vor, dass der Hamburger Volksmund dafür einen eigenen Begriff geprägt hat: "Kachelzähler" sind es, die sich so langsam durch die Röhre bewegen, dass sie dabei die Fliesen an der Wand beinahe nummerieren könnten. Nur nebenbei: Das sind etwa 1,9 Millionen Stück.
Ursache für solch hinderliches Fahrverhalten ist pure Angst - Angst vor engen Räumen, Angst davor, eingeschlossen zu sein. "Bei allen Befragungen beklagen betroffene Fahrer die Angst, nicht aus dem Tunnel fliehen zu können", erklärt Verkehrsforscher Professor Reinhart Kühne vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. "Sie haben das Gefühl, nicht entrinnen zu können, wenn etwas passiert."
Bis zur Phobie
Interessant ist, dass sich diese Angst, die bis zur Phobie gehen kann, erst ab einem bestimmten Punkt im Tunnel bemerkbar macht. "Das Fahrverhalten ändert sich nach etwa 700 Metern", so Kühne. Werden die Fahrer unruhig, weil sie das Licht am Ende des Tunnels nicht sehen? "Nein", sagt der Experte, "es liegt eher daran, dass die Fahrer mit erhöhter Aufmerksamkeit in den Tunnel hineinfahren, die Aufmerksamkeit nach 700 Metern aber auf ein normales Niveau zurückfällt. Die 700 Meter entsprechen etwa einer Minute Fahrzeit." Unbewusst werden klaustrophobisch veranlagte Fahrer dann langsamer. Im schlimmsten Fall beginnt ihr Herz zu rasen, die Atmung wird ungleichmäßig, bleibt fast weg, Schwindelgefühle treten auf, Angstschweiß lässt die Hände glitschig werden. Das nachfolgende Auto fährt immer dichter auf, womöglich mit Lichthupe. Kachelzähler fühlen sich dann bedrängt, ihre Angst nimmt zu, sie fahren noch langsamer. Doch unter einer solch ausgeprägten Phobie mit panischen Zuständen leidet, so Kühne, weniger als ein Prozent der Autofahrer.
"Der Tunnel die sicherste Straße", betont der Verkehrsforscher. "Die Unfallraten im Tunnel liegen ein Viertel bis ein Fünftel unter denen auf der Freilandstrecke." Das liegt daran, dass es im Tunnel keine Ablenkungen gibt, keine schwierigen Straßenverhältnisse, kein Glatteis, kein Regen, und im Prinzip geht die Straße immer geradeaus. Tunnel mit Kreuzungen sind selten. Wenn im Tunnel etwas passiert, dann sind es meist Auffahrunfälle.
Auffällig markierte Fluchtwege
"Maßnahmen, die das Fahrverhalten im Tunnel beeinflussen, setzen bei dem Gefühl der eingeschränkten Fluchtmöglichkeiten an", erklärt Kühne. Fluchtwege werden auffällig markiert und besser ausgeleuchtet, Fluchttüren weithin sichtbar gekennzeichnet, Abstellnischen eingerichtet.
Außerdem sind einige Tunnel mit Schlitzkabeln ausgestattet. Diese ermöglichen es, dass Radio, Handy und GPS auch in der Röhre funktionieren. Das Gefühl, im Tunnel unerreichbar zu sein und keinen Kontakt zur Außenwelt zu haben, nimmt damit deutlich ab.
Kachelzähler - das mag verwundern - sind häufiger anzutreffen im Tunnel als Raser. "Schnell durch und weg? Das verhindert das Überholverbot, das in den meisten Tunneln gilt", sagt Kühne. Die Fahrt durch einen sanierten oder neu gebauten Tunnel empfindet der größte Teil der Autofahrer übrigens als angenehm. Das ergab eine verkehrspsychologische Studie aus Österreich. Auf viele Autofahrer wirkt ein Tunnel geradezu beruhigend.