Inside Art

Der einfühlsame Schockmaler Helnwein besiegt malend den Schmerz

Auftragsarbeiten für die Massenmedien nehmen einen großen Raum in Helnweins Arbeit ein.

(Foto: Hamish Brown)

Hyperrealistische Bilder, die Leid, Schmerz und Gewalt geradezu erfahrbar machen. Der gebürtige Österreicher Gottfried Helnwein widmet sich in seinem Werk den verletzlichsten Mitgliedern unserer Gesellschaft und ist gerade dadurch höchst politisch und aktuell.

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Helnweins Vorbild und "einziger Lehrer, von dem ich etwas lernte" war Walt Disney.

(Foto: Rafael Hermann)

Die Themen Schmerz, Verletzung und Gewalt dominieren das künstlerische Werk von Gottfried Helnwein. Seine Arbeiten vermitteln die befremdliche Dramatik verlorener Unschuld. Die bekanntesten Bilder zeigen in hyperrealistischer Darstellung verwundete und bandagierte Kinder. Die Motive sind verstörend, bleiben uneindeutig und rätselhaft. Helnwein greift Tabu- und Reizthemen der jüngeren Geschichte auf, so wird auch das Thema des Nationalsozialismus in seinen Werken verarbeitet. Im Zentrum steht aber vor allem die Darstellung des malträtierten Kindes, brutal und gleichzeitig politisch. Gottfried Helnweins Blick ist dabei nie voyeuristisch oder zynisch, vielmehr schafft er Bilder von sublimer Schönheit und größtmöglicher Empathie.

Gottfried Helnwein provoziert mit kontroversen Bildern.

Gottfried Helnwein gehört zu den wohl bekanntesten deutschsprachigen Künstlern der Gegenwart und ist dennoch höchst umstritten

(Foto: Hamish Brown)

Geboren wird Gottfried Helnwein 1948 als Sohn eines Beamten in Wien, wo er auch seine Kindheit und Jugend verbringt. Seine Erinnerungen an diese Zeit sind jedoch düster: "Wien war damals ein wahrhaft dunkler und schrecklicher Ort." bekennt er später in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung. Seine Flucht aus der Realität sind die bunten Bilder in Comic-Heften, die ihn begeistern, erheitern und inspirieren. "Der einzige Lehrer, von dem ich etwas lernte, war Walt Disney" ergänzt er im selben Interview. Das Handwerk des Zeichnens erlernt er später selbst an der Höhere Graphische Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, die er von 1965 bis 1969 besucht. Danach folgt von 1969 bis 1973 ein Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien, er wird Meisterschüler des "phantastischen Realisten" Rudolf Hausner. Dessen altmeisterliche Finesse hat einen prägenden Einfluss auf ihn, bereits während des Studiums entstehen die ersten fotorealistischen Gemälde von verwundeten und gequälten Kindern. Früh erhält Gottfried Helnwein Auszeichnungen wie den Meisterschulpreis im Jahr 1970, den Kardinal-König-Preis 1971 und drei Jahre später den Theodor-Körner-Preis. Zu dieser Zeit nutz er bereits unterschiedliche Techniken und Stilmittel. Neben Zeichnung und Malerei in Öl und Acryl ist auch die Fotografie, oft in Zusammenhang mit Performance, ein wichtiger Teil seiner künstlerischen Praxis. Gottfried Helnwein provoziert schon damals mit kontroversen Bildern sein Publikum. Seine ersten Ausstellungen lösen Proteste aus, werden geschlossen, manche Arbeiten werden von der Polizei konfisziert. Ende der 70er Jahre widmet sich Helnwein zunehmend auch den Figuren der Pop- und Trivialkultur, sein erklärtes Vorbild ist immer noch Walt Disney. Helnwein nutz dabei nicht lediglich die Bildsprache und die Form des Comics. Er integriert und kombiniert vielmehr Figuren aus diametral unterschiedlichen Welten in seinen eigenen Bilderkosmos. Er führt zusammen, was eigentlich nicht zusammenpasst.

Seit Ende der 1990er Jahre entsteht in Helnweins Arbeit eine Vermischung von großformatigen Fotos mit abstrakt-gestischer Malerei.

(Foto: Hamish Brown)

Auch zu dieser Zeit gestaltet er zum ersten Mal Plakate, Plattencover und Illustrationen für Zeitungen und Zeitschriften. Im Laufe der Jahre wird er für den Spiegel, den Stern, das Time Magazine und den Playboy arbeiten. Einige seiner Werke zieren die Plattencover von Musikern und Bands wie Rammstein, den Scorpions oder Marius Müller-Westernhagen. Auf diesem Weg wird sein Werk auch einem breiten Publikum außerhalb der Kunstwelt zugänglich. Helnwein wird zu einem der gesuchtesten internationalen Illustratoren, vermehrt realisiert er auch Installationen im öffentlichen Raum. Bereits in den 1980er Jahren zieht der Künstler nach Deutschland, wo er bis 1997 auf dem Schloss Burgbrohl in der Eifel lebt und arbeitet. In dieser Zeit beginnt er, großformatige Fotos mit abstrakt-gestischer Malerei zu verbinden. In den späten 1990er-Jahren wechselt er das Schloss und bezieht das Castle Gurteen de la Poer in der irischen Grafschaft Waterford. Im neuen Millennium richtet er sich zudem ein Atelier in Los Angeles ein, seitdem lebt er abwechselnd in Irland und Kalifornien.

Über die Jahre werden Helnwein große Retrospektiven in aller Welt gewidmet, darunter in St. Petersburg, Los Angeles, im Fine Arts Museum in San Francisco, im Chinesischen Nationalmuseum in Peking und natürlich in Wien. Seine Ausstellung 2013 in der dortigen Albertina ist die am meisten besuchte Retrospektive eines lebenden Künstlers in dieser Institution. Helnweins Bilder treffen die Menschen nach wie vor ins Mark, sie schockieren und bewegen gleichermaßen die Herzen. Er nutzt sein breites Formenvokabular, um mit scharfem Blick auf Einsamkeit, Verlorenheit und Verletzlichkeit hinzuweisen und die Folgen von Repression, Autorität und Gewalt anzuprangern.

Editionen und Informationen zu Gottfried Helnwein Kunstwerken finden Sie hier.

Aus der Reihe "Inside Art" läuft die Dokumentation über Gottfried Helnwein am Sonntag, 22. November 2020 um 18:30 Uhr bei ntv.

Quelle: ntv.de