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US-Sekte unter Druck Abtrünnige klagen über Vielweiberei

Die rund 8000 Einwohner zweier Nachbarorte an der Grenze der US-Bundesstaaten Utah und Arizona schotten sich gewöhnlich von der Außenwelt ab. Denn Hildale und Colorado City sind die Hochburgen einer fundamentalistischen Mormonensekte, in der Polygamie und strenge Regeln des selbst ernannten Propheten Warren Jeffs das Leben bestimmen. Doch abtrünnige Mitglieder haben jetzt ihr Schweigen gebrochen und die Kommunen durch schwere Missbrauchs-Vorwürfe ins Rampenlicht gebracht.

Wortführer der rund 20 Männer, die von dem Sekten-Chef aus der Gemeinde ausgeschlossen wurden, ist Ross Chatwin. "Dieser Hitler-ähnliche Diktator muss zu Fall gebracht werden, bevor er uns alle ruiniert", sagte der sechsfache Vater und überzeugte Polygamist vor Reportern. Die Orte Hildale und Colorado City verglich der 35-Jährige mit Konzentrationslagern. Bei den Vorwürfen geht es um erzwungene Ehen mit Minderjährigen, Kindesmissbrauch, Erpressung und Nötigung.

Der in "Ungnade" gefallene Chatwin erhielt von Jeffs den Befehl, sein auf Kirchengrund gebautes Haus in Colorado City zu räumen, aber Frau und Kinder zurückzulassen. Sie seien "Kircheneigentum" und gehörten der Gemeinde. Die Familie widersetzte sich dem Räumungsbefehl. Noch in dieser Woche soll der Fall vor Gericht gehen. Staatsanwaltschaft und Polizei von Utah und Arizona haben die polygame Sekte längst im Visier, aber wenig in der Hand. Drei 16-jährige Mädchen sind in den vergangenen Wochen aus den beiden Orten geflüchtet, aus Angst vor arrangierten Ehen.

"Wir leben in den USA im 21. Jahrhundert und hier werden Frauen und Mädchen täglich unterdrückt und Menschenrechte verletzt", empört sich Vicky Prunty. Vor sechs Jahren gründete sie in Salt Lake City die Hilfsorganisation "Tapestry Against Polygamie", nachdem ihr selbst der Absprung aus einer polygamen Ehe glückte. Jungen Mädchen zu helfen sei besonders schwierig, sagt Prunty. Die meisten würden zu Hause unterrichtet, hätten wenig Kontakt zur Außenwelt und Angst, sich gegen ihre Väter aufzulehnen.

Die mormonische Mutterkirche "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" sagte sich 1890 von der Polygamie los und die Vielweiberei wurde im Zuge der Staatsgründung in Utah verboten. Doch Schätzungen zufolge leben heute noch über 30.000 Menschen in polygamen Haushalten, wie die Angehörigen der strenggläubigen Splittergruppe um Warren Jeffs. Sein Anwalt, Raymond Scott Barry, verteidigt ihre Lebensweise. "Sie sind nicht offiziell verheiratet und verstoßen daher nicht gegen Gesetze", meint Barry. Sie würden freiwillig in Hildale oder Colorado City leben.

Ben Bistline, der seit dem Kindesalter in den 40er Jahren in der Sekte lebte, sich aber 1980 lossagte, hält Warren Jeffs für "extrem gefährlich". Er würde die Kinder unter Druck setzen und die Mädchen als zukünftige Ehefrauen programmieren. Jeffs habe sich bereits in Mexiko Grundstücke gekauft, um sich notfalls mit der Gemeinde dorthin abzusetzen, falls ihm die Polizei zu nahe rückt, berichtet der 68-jährige Mormone.

Der 47-jährige Jeffs hatte 2002 nach dem Tod seines Vaters die Nachfolge als Prophet der Sekte angetreten. Er lässt sich kaum in der Öffentlichkeit blicken und lebt mit zahlreichen Ehefrauen - sein Vater hatte 35 bis 75 Frauen - hinter den hohen Mauern seines großen Anwesens in Hildale. Der Bürgermeister und der Polizeichef des Ortes halten treu zu Jeffs. Dem Justizminister von Utah, Mark Shurtleff, sind die Hände gebunden. "Ich habe nicht die Mittel, um 4.000 Leuten nachzustellen", sagte er der "Salt Lake Tribune". "Wenn wir die Männer verhaften, was würde dann mit all den Frauen und Kindern passieren?"

Barbara Munker, dpa

Quelle: ntv.de

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