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"As good as sex" Adrenalin-Show in Berlin

Deutschlandpremiere im Berliner PankowPark: Heute startet die argentinische Gruppe "De la Guarda" eine Show, die sich über den Köpfen des Publikums abspielt. "So gut wie Sex" urteilte der britische "Guardian". Sandra Pasch war für n-tv.de bei der Voraufführung.

Dunkelheit... das gut gestylte Publikum steht dicht an dicht in einer schwarz verhangenen Halle. Worte wie "Sardinen- büchse" schwirren durch die Luft. Die Spannung steigt. Auf dieser Vorpremiere der sogenannten "Adrenalin-Show" der Künstlergruppe De la Guarda aus Buenos Aires weiss wohl niemand, was ihn erwartet.

Nach Aufführungen in New York, Amsterdam und London, bei denen auch Stars wie Leonardo di Caprio und Demi Moore im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft gingen, wird das Spektakel ab Mittwoch drei Monate lang im Berliner Pankow Park gezeigt.

Krabbeltiere und Himmelstaucher

Es beginnt. Über der Hallendecke durchbrechen bunte Lichtpunkte die Dunkelheit, untermalt von Unterwasserakustik (oder was man dafür hält), Schatten, die wie Taucher im Meer wirken, schweben darüber. Plötzlich wird diese Idylle gestört, Massen von kleinen Krabbeltieren wimmeln unterhalb der Hallendecke auf einen Sammelpunkt zu. Die Befürchtung, diese Tiere könnten auch herunterfallen, spiegelt sich in vielen Gesichtern wider. Etwas später erkennt man erleichtert, daß es sich bei den Krabbeltieren um phosphoreszierende Kügelchen handelt.

Abschluß dieser ersten Sequenz ist ein von Sternschnuppen durchzogener Sternenhimmel aus Lichteffekten, der das Publikum spontan zum verdienten ersten Applaus des Abends hinreisst.

Dann geht es richtig los: Die Decke wird erst zaghaft, dann brutal aufgerissen, die Fetzen trudeln, zusammen mit überall platzenden Luftballons, aufs Publikum herab. Die schemenhaften Schatten aus der Unterwasserszene entpuppen sich als an Seilen hängende Darsteller, die schreiend und jauchzend haarscharf über den Köpfen des Pubilums herumfliegen. Es dröhnt und donnert in der Halle, Nebelschwaden ziehen durch die Luft, es beginnt zu nieseln. Die Akteure seilen sich ab und brechen erstmals die Distanz zum Publikum.

Dem Schrecken folgt ein Regentanz

Auf einer "regennassen" Plattform bewegen sie sich durch das Publikum und führen zu treibendem Beat stampfend, naß bis auf die Haut, eine Art Regentanz auf. Dann der Tabubruch: Einzelne Zuschauer werden "entführt" und von den an Seilen Hängenden hoch durch die Luft getragen . Doch der erste Schreck ist schnell verflogen: Am Ende der Szene tanzt die ganze Halle den "Regentanz" mit.

In diesem Stil geht es weiter. Denn: Das 70-minütige "Stück" hat keine Handlung, spiegelt stattdessen archaische Naturgewalten wider, weckt Emotionen, die - schon wegen der verschlossenen Türen - kein Entrinnen zulassen. Es entfaltet sich ein Spiel mit menschlichen Ängsten vor Dunkelheit, Insekten und dem Durchbrechen des persönlichen Distanzraumes.

Das ist kein bequemes Theater, in dem das Publikum auf eine weit entfernte Bühne blickt und bei Unwohlsein oder Nichtgefallen nach dem ersten Akt das Theater verlässt. Wer sich der "Show, die vom Himmel fällt " aussetzt, wird mitgerissen von unbändiger Lebensfreude. Wer glaubt, er sei in Sachen Theater mit allen Wassern gewaschen, wird hier - im doppelten Wortsinn - eines Besseren belehrt.

Schutzengel außer Rand und Band

Die Wildheit und Dynamik an der Aufführung wird nachvollziehbar, wenn man die Entstehungsgeschichte von De la Guarda (zu deutsch: "Schutzengel") kennt: Die Gruppe bildete sich 1992, zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur, in den Armenvierteln von Buenos Aires. Erlebnisse und Gefühle aus dieser Zeit werden hier umgesetzt und verarbeitet. Das publikumswirksame Spektakel ist also auch politisches Theater, das eine Botschaft vertritt: Angst und Terror müssen nicht stumm erlitten werden, sondern können umschlagen in einen Ausbruch archaischer Gewalt und ungebändigter Lebensfreude.

Fast noch mehr begeistert aber die physische Leistung der agierenden Bergsteiger, Freeclimber, Tänzer und Akrobaten der Gruppe. Trotz des mit 39 bis 49 Euro hohen Eintrittsgeldes lohnt sich ein Blick in diese neue, ungewöhnliche Theaterwelt. Zweckmäßige Kleidung und wasserfestes Make up werden dringend empfohlen!

Quelle: ntv.de