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Börsenausblick Amazon muss sich strecken

Der Weihnachtsmann soll ihn gebracht haben - den ersten Pro-Forma-Quartalsgewinn für Amazon.com. Jeff Bezos, Chef des Online-Händlers, prognostiziert das erste Plus in der Bilanz in der Unternehmensgeschichte zwar schon seit mehr als einem Jahr, doch vor dem Weihnachtsgeschäft zeigten sich viele Analysten noch skeptisch, dass Bezos sein vollmundiges Versprechen einhalten kann.

Mittlerweile scheinen sich die Anzeichen jedoch zu mehren, dass Santa Claus so viele Pakete im Auftrag des Unternehmens aus Seattle ausgeliefert hat, dass die lang ersehnten schwarzen Bilanzzahlen erreicht wurden. Analysten rechnen zwar durchschnittlich damit, dass das Internet-Versandhaus einen Netto-Verlust von 7 Cent je Aktie vermelden wird, operativ oder auch Pro-Forma, wie die Amerikaner diese Bilanzierungsmethode nennen, könnte es aber doch gereicht haben.

Bislang gab es von Amazon allerdings nur eine einzige Kennziffer zum vergangenen Weihnachtsgeschäft: Die Zahl der versendeten Produkte sei auf 37,9 Millionen gegenüber 31 Millionen in der Weihnachtszeit 2000 gestiegen.

Hohe Erwartungen

Ein gestiegener Absatz muss allerdings nicht zwingend auch einen höheren Umsatz bedeuten - darauf hatte Amazon selbst nicht selten in der Vergangenheit hingewiesen. Als Grund nannte das Unternehmen aus Seattle sinkende Preise für Elektrogeräte und die Vermutung, Kunden suchten inzwischen mehr nach Schnäppchen.

Und doch, die Erwartungen der Analysten sind mittlerweile hoch. Ein Umsatzplus von 4 Prozent im abgelaufenen vierten Quartal auf 1,01 Milliarde US-Dollar soll es nach einer durchschnittlichen Schätzung schon sein, einige Analysten rechnen gar mit einem Umsatz von bis zu 1,08 Milliarden Dollar.

„Fünf Prozent Umsatzplus sind möglich. Die Absätze sind stark gestiegen, das sollte die niedrigeren Preise leicht wettmachen“, so Safa Rashtchy, Analyst bei Bancorp Piper Jaffray. Und auch die US-Investmentbank Merrill Lynch geht davon aus, dass Amazon die durchschnittlichen Prognosen übertreffen wird.

Santa ist nicht immer da.....

Doch selbst wenn es Amazon gelingt im vierten Quartal den langersehnten Pro-Forma-Gewinn zu erzielen - Anleger und Analysten schauen bereits wieder in die Zukunft. Und die sehen viele weit weniger rosig. Für das Gesamtjahr erwarten Analysten nach Berechnungen von Thomson Financial/ First Call einen Verlust zwischen 23 und 49 Cent je Aktie und einen Umsatz von 3,36 Milliarden Dollar.

Vom Geschäftsmodell des weltgrößten Online-Händlers sind auch noch lange nicht alle Analysten überzeugt. „Ich habe weiterhin Bedenken was das Geschäftsmodell angeht und ob Amazon überhaupt jemals einen Netto-Gewinn verbuchen wird“, so Kristine Koerber, Analystin bei WR Hambrecht & Co.

Denn der Online-Händler sehe sich mit stark fallenden Umsätzen in seinem Kerngeschäft, dem Handel mit Büchern, Musik und Videos konfrontiert. Und auch wenn der neu geschaffene Bereich Elektronik gut laufe, habe Amazon doch immer noch Schwierigkeiten weitere Bereiche, wie zum Beispiel Küchenzubehör, zu erschließen.

Blutarmer Internet-Handel?

Fraglich scheint aber vor allem zu sein, wie sich die Verkaufszahlen im Internet insgesamt weiter entwickeln. Zwei Studien aus den USA von Harris Interactive und Nielsen/ NetRatings gehen von einem Umsatzplus von 15 Prozent für den Bereich Online-Handel in der Zeit von November und Dezember 2001 aus - womit die Online-Händler den traditionellen Einzelhändlern weit vorausgeeilt sind.

Verglichen mit dem Umsatzplus von 43 Prozent, das NetRatings noch im Oktober prognostiziert hatte und den 70 Prozent, die während des Internet-Booms bis Mitte der 90er Jahre erzielt worden, sieht die Bilanz allerdings düster aus.

„Wenn das Online- mit dem Offline-Geschäft verglichen wird, dann steht Online ziemlich gut da“, so Ken Cassar von der Marktforschungsfirma Jupiter Media Matrix. „Aber im Vergleich zu den vergangenen Jahren ist es ziemlich blutarm“.

Quelle: n-tv.de