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Europas Detroit Arbeitermangel in der Slowakei

Die Slowakei gilt mittlerweile als Detroit im Herzen Europas. Das Land profitiert von der Wanderung der Autoindustrie gen Osten, die vielen Arbeitern in Westeuropa schlaflose Nächte bereitet: Volkswagen, Porsche, Peugeot und Kia -sie alle haben bereits Werke in dem zentraleuropäischen Land oder sind dabei, diese in Betrieb zu nehmen. Schließlich locken billige Arbeitskräfte und niedrige Steuern.

Zwar hat die Slowakei im vergangenen Jahr erst rund 260.000 Fahrzeuge produziert -in Polen wurden doppelt so viele und in der Tschechischen Republik mehr als drei Mal so viele gebaut. Im Verhältnis zur Bevölkerung des Landes werden aber bereits jetzt in keinem Land der Erde so viele Fahrzeuge hergestellt wie in der Slowakei -und bis 2012 soll die Stückzahl auf über 840.000 steigen.

Doch während Autobauer wie DaimlerChrysler, Ford und General Motors in den USA zigtausende Arbeitsplätze abbauen, suchen die Produktionsstätten in Zentraleuropa händeringend ausgebildete Mitarbeiter: Die zahlreichen Fabriken haben die vorhandene Arbeitskraft bereits weitgehend aufgesaugt. "Es gibt wesentlich weniger Arbeiter mit höheren Qualifikationen", klagt der Sprecher des südkoreanischen Autoherstellers Kia Motors, Dusan Dvorak. Die Firma ist mittlerweile dazu übergegangen, entsprechende Arbeitsstellen in den Nachbarländern auszuschreiben.

Auch Volkswagen spürt den Druck: "Wenn die Fabriken aller drei Autobauer erst einmal auf Hochtouren laufen, wird der Import von Arbeitskraft vermutlich unvermeidbar sei", sagt die Sprecherin von Volkswagen in der Slowakei, Silvia Nosalova. Bislang behilft sich der Konzern noch mit gecharterten Bussen: Sie bringen die Mitarbeiter aus ihren bis zu 100 Kilometer entfernten Heimatorten zum Werk nahe der Hauptstadt Bratislava.

Geeignete Bewerber von auswärts locken die Autobauer oft auch mit einer Unterkunft in der Nähe der Fabrik. Frantisek Bardy, der bereits in mehreren Autofabriken gearbeitet hat, konnte sich vor Angeboten kaum retten. Obwohl seine Wohnung nahe des Kia-Betriebs in Zilina liegt und ihm die Südkoreaner eine Stelle anboten, entschied er sich schließlich für die 150 Kilometer entfernt liegende brandneue Fabrik von Peugeot in Trnava. "Sie sagten mir, dass es hier Aufstiegsmöglichkeiten gibt und stellten mit eine Wohnung zur Verfügung", sagt der 27-Jährige, während er am Fließband die Kühlsysteme des Peugeot 207 testet. In seine Heimatstadt fährt er nun nur noch alle zwei Wochen.

Um dem Mangel an Arbeitskräften entgegen zu wirken, setzen einige Autobauer schon auf die Ausbildung der Jugend. "Wir haben uns dazu entschlossen, mit Schulen zu kooperieren, die einen Schwerpunkt auf Technik legen, damit sie qualifizierte Leute auf die Autoindustrie vorbereiten", sagt der für die Slowakei zuständige Peugeot-Sprecher Peter Svec.

Martin Dokoupil, Reuters

Quelle: ntv.de