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"Bagdad-Propaganda", "Bush-Sender" BBC im Kreuzfeuer

Die alte „Tante BBC“ muss sich in diesen Tagen allerhand gefallen lassen. Für die einen steht das Logo des weltberühmten Rundfunk-und Fernsehsenders für „Bagdad Broadcasting Corporation“, für die anderen ist es die „Bush Broadcasting Corporation“. Der pausenlose TV-Krieg hat die bewährten Prinzipien von Akkuratesse, Objektivität und Glaubwürdigkeit auf eine harte Probe gestellt, räumen die Chefs des führenden britischen Senders ein. „Die Schwierigkeit mit einem 24-Stunden-Nachrichtenkanal ist, dass wir während der Sendung herausfinden müssen, was stimmt und was nicht“, gab Nachrichtendirektor Richard Sambrook im „Independent“ erstaunlich offen zu.

Übereifrige Reporter mit Gasmasken

Im erstmaligen direkten News-Wettkampf mit CNN und dem britischen Murdoch-Sender Sky News macht BBC News 24 nach Ansicht von Medienbeobachtern durchaus einen Lernprozess durch. Schon jetzt ist zu merken, dass Beiträge von übereifrigen Korrespondenten, die mit Gasmaske ihren Aufsager sprechen oder den Zuschauer während einer halsbrecherischen Militärexpedition informieren, seit den ersten Kriegstagen eher in die zweite Reihe gerückt sind. Immer häufiger werden Frontberichte durch Analysen bewährter Korrespondenten vor Ort oder im Studio ergänzt. „Wir werden so scharf unter die Lupe genommen“ wie noch nie, bemerkt Sambrook.

Vorwurf der Einseitigkeit

Um Unparteilichkeit zu demonstrieren, hat er in seinem Büro eine Teetasse mit einem Abbild von George W. Bush neben eine Tischuhr mit dem Porträt von Saddam Hussein gestellt. Viel Kritik hat die BBC dafür einstecken müssen, dass sie in den ersten Kriegstagen allzu häufig voreilige Berichte über angebliche „Volksaufstände“ im Irak, über vermeintliche Fronterfolge oder Gegenoffensiven stillschweigend zurückziehen musste. So waren im Fall des angeblichen Vorrückens einer irakischen Panzerkolonne bei Basra die Radarbilder vom Militär „falsch interpretiert“ worden. Zuschauer kritisierten, sie fühlten sich durch die ständig aktualisierten Nachrichten-Schnipsel eher verwirrt als informiert. „Der Krieg wird trivialisiert“, stand in einem Leserbrief an den „Guardian“.

„Wir können immer nur Momentaufnahmen liefern. Die Frage ist, wiewir sie zusammenstellen“, sagt Sambrook zur Verteidigung der „Rolling News“. Aber er weiß schon jetzt: „Die Kriegsberichterstattung hat sich für immer verändert. Wir können diesen Geist nicht wieder in die Flasche verbannen.“ Allerdings werde es lange dauern, „bis wir alle Auswirkungen dieser neuen Art der Berichterstattung wirklich verstanden haben“, fügte Sambrook im „Independent“ hinzu. Dazu gehöre im Kriegsfall die „Nähe“ der Journalisten zum Militär ebenso wie die Tatsache, dass die Menschen am Bildschirm „ihre eigenen Söhne kämpfen sehen können“. Dass es in dieser gefühlsbeladenen Situation schwer ist, es allen recht zu machen, hat die BBC schmerzlich erfahren.

Ungeprüfte Übernahme der Kriegsterminologie

Während die liberale Presse dem Sender die ungeprüfte Übernahme von „Kriegsterminologie“ vorwarf, kritisierte die Labour-Regierung die angebliche Vernachlässigung des „Gesamtzusammenhangs“. „Aus den Fernsehberichten ist schwer zu entnehmen, dass wir gewinnen“, beklagte sich Verteidigungsminister Geoff Hoon. Labour-Gesch„ftsführer John Reid beschimpfte die BBC offen als „Freund von Bagdad“.

Von Anna Tomforde, dpa

Quelle: ntv.de