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Unter den Erwartungen Bayer-Gewinn bricht ein

Es war eine bittere Pille, die der Bayer-Chef auf der traditionellen Herbst-Pressekonferenz dem Publikum in Leverkusen zu verabreichen hatte. Zum ersten Mal in seiner Firmengeschichte ist der Chemie- und Pharmakonzern Bayer in die roten Zahlen gerutscht. Die Bilanz weise im dritten Quartal netto einen Verlust von 183 Mio. Euro aus, sagte Konzernchef Manfred Schneider am Mittwoch: "Eine Premiere, die wir gerne vermieden hätten."

Der operative Gewinn aus dem laufenden Geschäft brach von 711 Mio. Euro im entsprechenden Vorjahresquartal auf nunmehr nur noch 66 Mio. Euro ein. Analysten hatten durchschnittlich einen Wert von 281 Mio. Euro prognostiziert. Der Umsatz schrumpfte um rund sechs Prozent auf 6,9 Mrd. Euro. Das operative Ergebnis der ersten neun Monate sank von 2,7 auf 1,6 Mrd. Euro; der Umsatz beläuft sich für diese Periode auf unverändert 22,9 Mrd. Euro.

Schneider begründete den Einbruch mit hohen Sonderausgaben für die Rücknahme des Cholesterinsenkers Lipobay im August diesen Jahres, Belastungen aus dem Pharmageschäft und der schwachen Konjunktur. Das Jahresergebnis des Konzerns werde etwa in Höhe der Neun-Monats-Zahlen liegen, sagte Schneider.

Lipobay-Vermarktungsstopp drückt das Ergebnis

Die Probleme in der Pharmasparte haben größere Auswirkungen als bisher bekannt. Der Lipobay-Vermarktungsstopp und die Probleme in der Produktion des Blutermedikaments Kogenate werden das Ergebnis in diesem Jahr voraussichtlich mit 1,4 Mrd. Euro belasten. Bisher war Bayer von einem Negativeffekt von zirka 1,15 Mrd. Euro ausgegangen. Allein die Ergebnisbelastung durch den Lipobay-Rückzug bezifferte Schneider für das gesamte Jahr auf etwa 900 Mio. Euro. "Die Folgen des Rückzugs unseres Cholesterinsenkers Lipobay/Baycol im August und die empfindlichen Einbußen zum Ende des dritten Quartals können wir beim besten Willen nicht mehr auffangen ", sagte Schneider. Die Vermarktung des in den USA hergestellten Kogenate ist seit Jahresbeginn weitgehend unterbrochen, nachdem die US-Aufsichtsbehörde FDA (Food and Drug Administration) Unreinheiten beim Produktionsprozess festgestellt hatte.

Das Zusatzgeschäft mit dem Anti-Milzbrand-Medikament Ciprobay könne die Ausfälle nicht kompensieren. Auch wenn allein die US-Regierung im vierten Quartal 100 Millionen Tabletten zu einen Stückpreis von 95 Cent bestellt hat, erwartet der Konzern hier lediglich eine Umsatzsteigerung um maximal 250 Mio. Euro.

Gespräche mit GlaxoSmithKline über Vardenafil-Vermarktung

Bayer hofft nun, die Umsatzlücke, die durch die Rücknahme des Cholesterinsenkers Lipobay entstanden ist, mit der Einführung des Potenzmittels Vardenafil auszugleichen. Das Produkt soll im Herbst 2002 in den USA auf den Markt kommen.

Schneider bestätigte, Gespräche mit mehreren Pharmaunternehmen, darunter auch mit der britischen GlaxoSmithKline, über die Vardenafil-Vermarktung zu führen. "Tatsache ist, dass wir Vardenafil nur mit einem starken Partner vermarkten wollen", sagte Schneider und verwies darauf, dass Bayer kurz vor dem Abschluss der Gespräche stehe. Die "Financial Times" hatte in ihrer Mittwochsausgabe berichtet, GlaxoSmithKline solle den Vertrieb des Potenzmittels, das Bayer gegen Viagra des Konkurrenten Pfizer ins Rennen schickt, in Amerika übernehmen.

Für das kommende Jahr erwartet der Konzern trotz einer skeptischen Einschätzung der Konjunkturentwicklung wieder ein deutlich besseres Ergebnis. Hierzu werde das eingeleitete Kostensenkungsprogramm mit Einsparungen in Höhe von 500 Mio. Euro, der Turn-around beim gentechnisch hergestellten Gerinnungspräparat Kogenate, das in diesem Jahr noch 300 Mio. Euro Verluste bescherte, und die positive Entwicklung der Sparten Diagnostica und Comsumer Care beitragen, sagte Schneider.

Das Sparprogramm geht auch an den Mitarbeitern nicht vorbei. Bis 2005 sollen weltweit 3700 Stellen abgebaut werden, 1300 allein im Pharmabereich. Schließlich sank der Umsatz in der Pharmasparte in den ersten neun Monaten infolge des Lipobay-Debakels um sieben Prozent.

Börsengang der Gesundheitssparte mit Kerngeschäft Pharma weiter ungewiss

Hier soll nun ein neuer strategischer Parner Hilfe bringen und um dies zu forcieren, werde der Konzernumbau vorangetrieben. So will Bayer den Gesundheitsbereich einschließlich des angeschlagenen Pharmageschäfts zu einer eigenständigen Gesellschaft umwandeln. Dadurch solle "eine größere Flexibilität für strategische Partnerschaften" erreicht werden. Derzeit werde aber ein eigener Börsengang dieses Bereichs ausgeschlossen. Ungeachtet jüngster Probleme werde Bayer am Geschäftsfeld Gesundheit festhalten. "Unser Ziel ist es, einführendes Healthcare-Unternehmen zu schaffen", sagte Schneider. Gerade die ablehnende Haltung gegenüber einer Abspaltung dieser Sparte wird von Analysten seit langem heftig kritisiert.

Doch auch an anderen Fronten muss Bayer kämpfen. Das Arbeitsgebiet Polymere leidet unter dem Konjunktureinbruch seiner Hauptabnehmersparten Automobil, Bau und Elektro. "Wo man auch hinsieht, überwiegen die negativen Vorzeichen, und unsere Poymerbereiche bekommen das voll zu spüren ", sagte Schneider. Die Folge: ein Ergebnisrückgang um 40 Prozent vor Sonderposten. Auch im Chemiebereich flaute das Umsatzwachstum im Laufe des Jahres spürbar ab. In der Landwirtschaft lag das Umsatzplus trotz Neuerwerbungen nur bei gerade zwei Prozent. Der bekennende Fußballfan Schneider übt sich dennoch in Zweckoptimismus: "Bayer ist ein Unternehmen mit viel Potenzial, und wir werden es nutzen."

Quelle: ntv.de