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In Boomzeiten Besetzte Betriebe in Argentinien

Es ist der Traum eines jeden Marxisten: Der Betrieb in den Händen der Arbeiter. In Argentinien hat er sich in etwa 200 Fabriken und Betrieben erfüllt. Die zu Zeiten der tiefen Wirtschaftskrise vor einigen Jahren besetzten und von den Beschäftigten weitergeführten Betriebe produzieren nun in den Boom-Zeiten mit Gewinn, investieren und schaffen Arbeitsplätze: Der Traum eines jeden Kapitalisten.

Während der Wirtschaftskrise 2001 schlossen tausende Betriebe, und die Arbeitslosigkeit lag zeitweise bei mehr als 50 Prozent. Aus der Not heraus und um ihre Arbeitsplätze zu erhalten, besetzten die Beschäftigten die Betriebe und führten sie in Eigenregie weiter. Der Prozess wurde weltweit mit Interesse verfolgt, jedoch von den meisten Analytikern als vorübergehendes Krisenphänomen abgetan. Inzwischen hat sich die argentinische Wirtschaft überraschend schnell erholt.

Eines der bekanntesten Beispiele ist das Hotel "Bauen" im Zentrum der Mio.metropole Buenos Aires. Wer hier nächtigen will, muss schon ein wenig Kleingeld mitbringen. Der Portier hält den Gästen die Taxitür auf, und ein roter Teppich führt in die Einganshalle, wo die Gäste von Jose Alvarz an der Rezeption empfangen werden. "Ich liebe diesen Beruf, weil ich immer in Kontakt mit Menschen bin", sagt der 50-Jährige. Seit 1980 arbeitet er hier, doch 2001 schloss das Hotel und Alvarez stand auf der Straße. "Von einem Tag auf den anderen", erinnert er sich, nimmt die Lesebrille ab und legt die Stirn in Falten. "Wir hatten keine Ahnung über die wirtschaftliche Lage des Hotels".

Aber bald schon organisierten sich die Angestellten. Im März 2003 drangen sie in das Gebäude ein und haben es seitdem nicht mehr verlassen. In der damals heruntergekommenen und mit Holz vernagelten Eingangshalle befindet sich heute eine moderne Bar, die Kellner bedienen in weißen Hemden und mit freundlichem Lächeln. Nur die Bestseller der hoteleigenen Buchhandlung und die bunten Wandmalereien erzählen von Marx, Lenin und dem Klassenkampf. Allerdings ist es der Genossenschaft der Mitarbeiter bisher nicht gelungen, das Eigentum an dem Gebäude zu erlangen. "Wir fordern, dass der alte Eigentümer enteignet wird", sagte einer der Gründer der Genossenschaft, Ricardo Perez, der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Viele besetzte Betriebe haben ähnliche Geschichten. Erst der Konkurs, die Arbeitslosigkeit, dann die Besetzung und eine harte Zeit der Selbstausbeutung bis am Ende wirtschaftliche Stabilität erreicht ist. Grund der Insolvenzen waren nicht immer die Betriebe selbst. Ihre Eigentümer hatten sich am Finanzmarkt verspekuliert oder andere Großprojekte in den Sand gesetzt. Die Angestellten sollten dafür mit dem Verlust ihrer Arbeitsplätze bezahlen.

Heute gibt es in Argentinien schätzungsweise 250 besetzte Betriebe, und es kommen noch immer neue hinzu. "In den vergangenen drei Monaten sind vier neue Fabriken der Bewegung beigetreten", freut sich Alejandro Coronel, Vizepräsident der nationalen Vereinigung besetzter Betriebe. Die schon bestehenden haben die Zahl der Mitarbeiter erhöht, in einigen Fällen sogar verdoppelt. Das Hotel "Bauen" hatte beispielsweise vor der Schließung noch 70 Angestellte, die mit Überstunden den Betrieb mehr schlecht als recht aufrecht erhielten. Heute sind es 160 und keiner arbeitet mehr als 40 Stunden in der Woche.

Nach außen verhalten sich die Arbeiter-Betriebe wie kapitalistische Unternehmen. Im Innenverhältnis aber gibt es ein nicht immer einfaches System der Solidarität und Mitbestimmung. Entscheidungen über Investitionen, Lohnerhöhungen oder -senkungen werden basisdemokratisch getroffen und jeder bekommt für seine Arbeit das gleiche Gehalt.

Dabei hat die Erfahrung gezeigt, dass die Unternehmen am meisten Erfolg haben, die die Mitbestimmung ernst nehmen. "Zudem muss ein Betrieb einen gesellschaftlichen Nutzen haben", beschreibt Gerardo Pensavalle, Pressesprecher des "Bauen" die Philosophie. So finden im 3-Sterne-Hotel auch arme Familien aus den Provinzen ein billiges Zimmer, wenn beispielsweise eines ihrer Kinder in einem Krankenhaus der Hauptstadt operiert werden muss.

Von Anna Dobelmann, dpa

Quelle: ntv.de