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Reichskriegsflagge in der Keupstr. Das "Klein-Istanbul" Kölns

Von Henning Troschel und Bettina Maassen

Die Polizei ermittelt nach der Explosion im Kölner Stadtteil Mülheim nach wie vor in alle Richtungen. Der Hintergrund der Tat ist unklar. Unter anderem gilt ein Streit unter rivalisierenden Türken als mögliches Tatmotiv. Allerdings werden auch gewaltbereite Rechtsradikale als mögliche Attentäter gehandelt.

In der Vergangenheit war es in der Keupstraße wiederholt zu ausländerfeindlichen Übergriffen auf Türken, türkische Geschäfte und Einrichtungen gekommen. Die Täter blieben fast immer unerkannt und führten mehr als einmal eine Reichskriegsflagge mit.

In Zeiten wirtschaftlichen Stillstandes entlädt sich der Zorn der Verlierer im ökonomischen Wettbewerb häufig gegen Ausländer - in Deutschland besonders auf Ausländer, die sich durchgesetzt und florierende Unternehmen aufgebaut haben.

Anlaufstelle Nummer eins im Westen der Republik

Die Kölner Keupstraße ist über die Grenzen von Nordrhein-Westfalen hinaus als "Klein-Istanbul" bekannt: 90 Prozent der Einwohner und fast 100 Prozent der Geschäftsleute stammen aus der Türkei. An den Hauswänden sind Firmenschilder angebracht, die kaum ein Deutscher übersetzen kann. Kaffeehäuser stehen neben Importläden, Moscheen neben Imbissbuden; türkische Reisebüros, Juwelierläden, Lebensmittelgeschäfte, Döner-Buden und Teehäuser komplettieren die Angebotspalette. Die ehemalige deutsche Adler-Gaststube benannte der neue türkische Besitzer im Sinne der Tradition und der Zeitenwende in Kartal-Stube um – Kartal = türkisch Adler.

Sogar aus Hessen und Rheinland-Pfalz kommen Türken in die Keupstraße, um die türkische Steuerhilfe oder die türkische Rechtsberatung in Anspruch zu nehmen. Deutsche sind heute fast nur noch in den exzellenten türkischen Restaurants anzutreffen.

Türkisches Wirtschaftswunder

Nachdem im rechtsrheinischen Köln die großen Fabriken wie Felten und Guilleaume, die Chemische Fabrik Kalk (CFK), Klöckner Humboldt Deutz oder Deutz Fahr massenhaft Arbeiter entließen, fühlten sich viele Kölner Türken in die Selbstständigkeit getrieben. Nach dem deutschen Wirtschaftswunder sorgten sie in der Keupstraße für ein türkisches Wirtschaftswunder auf kölschem Boden. Seitdem ist die Geschichte der Keupstraße eine Erfolgsgeschichte des türkischen Mittelstandes: In den vergangenen 40 Jahre haben türkische Unternehmer in Mülheim einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des gesamten Viertels geleistet.

Prostitution und Drogenhandel

Nichtsdestotrotz bleibt Mühlheim einer der sozialschwachen Stadtteile der Domstadt. Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 20 Prozent, der Anteil der Sozialhilfeempfänger ist hoch. Deshalb bleibt die Keupstraße auch Gegenstand kontroverser Debatten:

Hier sei ein richtiges Türkenghetto entstanden. Und hier habe sich Kriminalität eingenistet und kurdische Drogenhändler trieben ihr Unwesen, behaupten Kritiker. Auch von Prostituierten ist die Rede, allerdings prägen die, selbst wenn es sie dort geben sollte, definitiv zu keiner Tages- oder Nachtzeit das Straßenbild.

Viele Kölner halten die Straße jedoch für einen Problemfall, ohne sie wirklich zu kennen. Eine kleine Gruppe der übrig gebliebenen, alten deutschen Nachbarschaft wendet sich gegen die ehemaligen Einwanderer und bekämpft sie. Schließlich sind die Türken die Konkurrenz im Kampf um Kunden, Ressourcen und öffentliche Förderung.

Den deutschen Einzelhandel verdrängt

Ein deutscher Einzelhändler, der seine Kundschaft an die türkische Konkurrenz in direkter Nachbarschaft verliert, ist selbstverständlich schwer davon zu überzeugen, dass der Aufschwung des türkischen Mittelstandes ein Segen für das Viertel ist. Dass der gutsituierte, bürgerliche Kundenstamm von einst Jahre vor der letzten deutschen Firmenpleite die Keupstraße verlassen hat, zählt wenig, wenn es um die Existenz geht.

Prototyp für metropolitanes, postmodernes Leben

Dennoch, die Keupstraße ist ein durch ehemalige Einwanderer modernisiertes Quartier. Heute macht die Keupstraße einen fast wohlhabenden Eindruck. Dadurch unterscheidet sie sich von vergleichbaren Kölner Straßen, in denen nur Kioske, Telefon-Läden und Schnäppchenmärkte das Straßenbild prägen. Die Keupstraße ist nicht zuletzt durch die Diskussionen der vergangenen Jahre, durch ihre Berühmtheit und durch ihre hohe Medienpräsenz zum prototypischen Trendsetter für die postmoderne, urbane Gesellschaft geworden.

Für die Einwanderer ist die Keupstraße heute nichts anderes als ihre kölsche Heimat, durch die alljährlich auch der Karnevalsumzug Mülheims führt.

Erfolgreiche haben Neider - überall

Verblendete Neo-Nazis platzen da vielleicht vor Neid, weil hier etwas geschaffen wurde, was ihnen selbst zunehmend unerreichbar erscheint. Hass, Neid und Missgunst ist den Erfolgreichen überall sicher. Wenn er sich in Gewalt entlädt, wird das zu einem ernstzunehmenden Problem. Bis zu dem Anschlag mit der Nagel-Bombe galt die rechtsrheinische kölsche Straße nicht als Problemfall, sondern als Glücksfall, als Lehrbeispiel für die postmoderne, metropolitane Gesellschaft, die sich darauf versteht kulturelle Vielfalt als Ressource zu nutzen.

Ob das Tatmotiv für den Anschlag Hass, Schutzgeldforderungen oder Ausländerfeindlichkeit war, die Bewohner der Kölner Keupstraße haben mehrfach bewiesen, dass sie auch nach Rückschlägen unter schwierigsten Bedingungen sehr gedeihlich zu arbeiten verstehen.

Quelle: ntv.de