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"Keine große Finanzkrise" David Rockefeller im Gespräch

David Rockefeller ist der letzte lebende Enkel des legendären Erdöl-Unternehmers John D. Rockefeller. Der 92-Jährige stand mehr als 20 Jahre lang an der Spitze der Chase Manhattan Bank und gehörte in den vergangenen Jahrzehnten zu den wirtschaftlich und politisch einflussreichsten Persönlichkeiten in den USA. Das Magazin "Forbes" schätzt sein Vermögen auf 2,7 Mrd. US-Dollar. Donata Dröge hat den "Weltbankier" in München getroffen.

n-tv.de: Herr Rockefeller, wie fühlt es sich an, einen Namen zu tragen, den viele mit immensem Reichtum verbinden?

David Rockefeller: Ich war immer stolz, sowohl auf meinen Großvater, der die Standard Oil Company gegründet hat, als auch auf meinen Vater, der ein sehr aktiver Philanthrop war und sehr engagiert in vielen Bereichen, allen voran das Rockefeller Center, das sehr viel Gutes bewirkt hat. Ich bin auf beide sehr stolz.

Hatten Sie manchmal Schwierigkeiten mit Vorurteilen, oder wurde das große Vermögen Ihrer Familie moralisch in Frage gestellt?

Nein, denn sowohl mein Großvater als auch mein Vater haben zwar große Vermögen errungen, aber sie haben sie in einer Weise eingesetzt, dass es vielen Menschen zu Gute gekommen ist. Sie haben Stiftungen gegründet und Fonds eingerichtet für wohltätige Zwecke und andere gemeinnützige Dinge. Zum Beispiel hat mein Vater den Wiederaufbau der historischen Altstadt von Williamsburg unterstützt, und die Restaurierung des Schlosses von Versailles. Notwendige Dinge, um die sich sonst niemand gekümmert hat, und ich bin sehr stolz auf alles, was er getan hat.

Zurzeit wird ja viel diskutiert über die Reichen, die immer reicher werden und die Armen, die immer ärmer werden, und viele zweifeln daran, dass die heutigen Manager verantwortlich genug mit Ihrer Rolle und ihrem Vermögen umgehen. Wie sehen Sie das?

Ich denke, dass viele derjenigen, die in jüngster Zeit viel Reichtum erlangt haben, wie Bill Gates zum Beispiel, ihr Geld sehr verantwortlich einsetzen. Sicher gibt es auch schlechte Beispiele, aber im Großen und Ganzen haben die Menschen, die in meinem Land reich geworden sind, erkannt, dass sie eine Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber haben und sie bemühen sich, ihr Geld nicht nur zu ihrem eigenen Wohl, sondern zum Wohle aller zu nutzen.

Besonders berühmt für seinen wirtschaftlichen Erfolg war ja Ihr Großvater. Was war er für ein Mensch?

Er war ein bemerkenswerter Mann, er hat ganz bescheiden angefangen und hatte keinerlei privates Vermögen. Aber dann hat er sich im Ölmarkt engagiert, als in den USA zum ersten Mal Erdöl in größeren Mengen entdeckt wurde. Ford hat es für Lampen genutzt, lange bevor das erste Automobil gebaut wurde. Mein Großvater und einige seiner Kollegen haben das Potential erkannt und viele andere Unternehmen aufgekauft. So wurde die Standard Oil Company das größte und wichtigste Unternehmen in dieser Branche. Es hat die wachsende Automobilindustrie mit Energie versorgt, und mein Großvater hat eine Menge Kapital angehäuft, das er zu großen Teilen in gemeinnützige Stiftungen gesteckt hat.

Sie haben ihn ja in Ihrer Kindheit und Jugend gekannt. Wie war er denn als Großvater?

Er war ein sehr warmherziger, charmanter Mensch, der es mochte, lustige Geschichten zu erzählen. Was ein bisschen eigen war und worüber manche gelacht haben ist, dass er manchmal Leuten einfach so glänzende Zehn-Cent-Stücke in die Hand gedrückt hat. Ich glaube, das war sein Weg, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen, vielleicht ist ihm nichts anderes eingefallen. Uns Kindern hat er auch manchmal Münzen gegeben. Nach dem Frühstück hat er mit uns manchmal ein Spiel namens "Numerica" gespielt. Das kennt heute sicher niemand mehr. Es gab kleine Karten mit Nummern, die musste man umdrehen und dann die Zahlen raten. Wenn man gewonnen hat, bekam man zehn Cent, wenn man verloren hat, nur fünf.

Wie kann ich mir die Kindheit eines Rockefeller vorstellen? In Ihrem Buch ist ein Foto, auf dem Sie mit Rollschuhen durch den Central Park fahren - waren Sie ein Kind wie jedes andere?

Unsere Schule war zu weit weg, um dorthin zu laufen. Aber mein Vater meinte, wir sollten mehr Sport treiben, und so haben wir uns Rollschuhe angeschnallt bevor wir das Haus verlassen haben und sind mit denen ungefähr 20 Blocks weit durch den Park gefahren, bis uns der Fahrer dann mitgenommen hat für den Rest der Strecke. Insgesamt habe ich meine Kindheit als sehr normal empfunden. Klar, manchmal wurden in der Schule Bemerkungen darüber gemacht, dass mein Großvater sehr reich war, aber ehrlich gesagt - klar, ich wusste, dass er wohlhabend war, aber es war nie etwas, was mir irgendwie unangenehm war.

Was möchten Sie Ihren Kindern vererben - neben dem Vermögen?

Das Wichtigste, das ich meinen Kindern weitergeben möchte ist, dass Chancen Verantwortung mit sich bringen. Wenn einer mehr besitzt als andere, dann wird von ihm erwartet, dass er diese Ressourcen - seien sie persönlich oder finanziell - zum Wohle anderer einsetzt.

Sie kennen die Finanzmärkte so gut wie kaum ein anderer, wie sehen Sie die gegenwärtige Krise?

Es besteht kein Zweifel, dass wir gerade eine schwierige Phase an den Finanzmärkten durchleben. Die Wirtschaft ist nicht sehr stark, so dass es einige Ausfälle gegeben hat, bei denen der Staat und die Finanzinstitutionen eingreifen mussten. Ich denke, man muss anerkennen, dass das sehr ernst ist. Aber ich denke, dass das wieder korrigiert werden kann, vor allem, wenn die Regierung eingreift.

Manche vergleichen die Situation ja mit dem Börsencrash 1929 - was meinen Sie dazu?

Nein, ich glaube, das kann man nicht vergleichen. Die Situation 1929 war eine andere, das war ein wirklicher Zusammenbruch des Finanzmarkts, das sehe ich jetzt nicht.

Brauchen wir bessere Kontrollmechanismen und Strukturen?

Zunächst muss die Regierung in einigen Fällen kurzfristig eingreifen, und ich denke, dass die Federal Reserve Bank dazu auch bereit und in der Lage ist, das private Bankensystem zu unterstützen. Ich denke, wir müssen die gegenwärtigen Regelmechanismen des Bankensystems überdenken und gegebenenfalls ergänzen. Ich bin sicher, dass daran gearbeitet wird. Es ist ein Problem, das gelöst werden muss, aber keine große Finanzkrise.

Quelle: ntv.de

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