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Live in London Die Chilis

In Zeiten, in denen man innovative Acts mit der Lupe suchen muss, ist man dankbar für ein Live-Album von Könnern wie den Red Hot Chili Peppers. Und fürwahr beweisen sie, dass sie auch die hohe Schule des Livespielens beherrschen. Die Kunst liegt dabei in der Fähigkeit, den bekannten Songs durch spezielle Arrangements neue Facetten abzugewinnen.

Es sind vor allem spontane Freestyle-Einlagen, die den Eindruck erwecken, sie ließen die Zuhörerschaft an einer kreativen Experimentiersession in einem etwas zu groß geratenen Rahmen teilhaben. Funky wie eh und je wechseln sich Stakkato-Rapeinlagen mit harmonischen Hymnen und ausgedehnten Gitarrensoli ab - und das alles in einem für Liveaufnahmen ungewöhnlich exzellenten Sound.

Die Qualität begeistert umso mehr, als auf das sonst so übliche Nachretuschieren komplett verzichtet wurde, was den Songs eine Rauheit und Authentizität verleiht, die stellenweise schlicht atemberaubend ist.Aufgenommen an drei Juniabenden im Londoner Hyde Park vor der unglaublichen Kulisse von 300 000 (!) Zuhörern liegt der Schwerpunkt mit Gassenhauern wie Can´t Stop, Around the World und Californication eindeutig auf den beiden letzten Alben, wobei aber auch ältere Hits wie das monumentale Give it away oder das absolut zeitlose Under the Bridge zum Besten gegeben werden.

Als Experten in Sachen Selbstvermarktung wissen sie natürlich, dass die Fans immer nach neuem Material lechzen, entsprechend gibt es mit Rolling Sly Stone und Leverage of Space zwei neue Songs. Wobei insbesondere der letzte dort weiter zu machen scheint, wo By the way vor gut zwei Jahren aufgehört hat. Wenn das die Chilis anno 2004 sind, dann darf man sehr gespannt auf das nächste Studioalbum sein.Wie ihre Karriere als singende Spaßvögel begann, lässt sich bei Coverversionen wie Donna Summers I Feel Love erahnen.

Auch die beiden Instrumentalnummern Drum Homage Medley und Fleas Trumpet Treated by John sind nicht ganz ernst gemeint und zeigen, dass sich Kiedis, Flea & Co trotz ihres Megaseller-Status eine ordentliche Portion Humor bewahrt haben. Das ganze Album gewinnt dadurch eine Leichtigkeit und man hat das Gefühl einer gigantischen Spätsommerpartie an den Stränden von Kaliforniens beizuwohnen. Diesen Esprit wünschte man sich für manchen deutschen Betroffenheits-Rocker.

Jedenfalls zeigt die Band, dass ihr Kreativ-Reservoir noch lange nicht ausgeschöpft ist und das wir durchaus noch mit Überraschungen rechnen können.„Live in Hyde Park“ ist alles in allem ein Livealbum, das Maßstäbe sowohl in künstlerischer als auch in technischer Hinsicht setzt. Für Fans und solche, die es werden wollen und nicht zuletzt als sonnengereiftes Musikkonzentrat genau das Richtige für trübe Herbstabende.

Doreén PickRed

Hot Chili Peppers, Live in Hyde Park (Doppel-CD), Warner Music

Quelle: n-tv.de