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"U6" Die Unsicheren im Sicherheitsrat

Das diplomatische Gezerre um die Abstimmung im UN-Sicherheitsrat über den von Amerikanern, Briten und Spaniern eingebrachten Resolutionsentwurf ist in vollem Gange. Zum einen geht es um das Stimmverhalten der - neben USA und Großbritannien - drei ständigen Mitglieder des Rates, Russland, Frankreich und China, die über ein Veto-Recht verfügen. Zum anderen tobt der Kampf aber um die Stimmen der sechs unentschlossenen nichtständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates. Das sind, im UN-Jargon kurz "U6" (von "undecided six members") genannt, Angola, Chile, Guinea, Kamerun, Mexiko und Pakistan.

Guinea: Neue Freunde, alte Freunde

Turnusgemäß übernahm Guinea am 1. März den Vorsitz im Sicherheitsrat. Damit steht das muslimisch geprägte westafrikanische Land plötzlich im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Guinea ist einerseits Mitglied der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC), lässt sich aber auch von den USA umwerben. Washington gewährte im vergangenen Jahr 25 Millionen Dollar Entwicklungshilfe sowie 3 Millionen Dollar Unterstützung für den Grenzschutz des Landes. Zudem reisten in den vergangenen Wochen Sondergesandte der Bush-Regierung nach Guinea, um dort für die US-Position zu werben. Ob sie dabei weiter Hilfen in Aussicht stellten oder mit einem Einfrieren der Gelder drohten, darüber kann nur spekuliert werden.

Fraglich bleibt aber dennoch, ob das alles ausreicht gegen religiöse Gefühle und postkoloniale Verbindungen zu Frankreich. Daher tippen afrikanische Analysten auf Stimmenthaltung.

Chile: Erpressbar durch die Amerikaner

Der südamerikanische Staat exportiert jährlich Waren im Wert von etwa 3,5 Milliarden Dollar in die Vereinigten Staaten - und erwartet weitere Handelsvergünstigungen durch ein Freihandelsabkommen mit Washington. Doch muss der Kongress das Abkommen noch ratifizieren. Für die USA ist das ein gutes Druckmittel.

Das chilenische Volk ist allerdings mehrheitlich gegen einen Krieg. Die Regierung zögert, bislang gab es noch keine Entscheidung. Vergangene Woche legten sich die Parteien auf eine Position fest: Entschieden wird erst nach dem Bericht der UN-Inspektoren.

Angola: Kalte Schulter für Paris, offen für Petro-Dollars

Schon heute ist das südwestafrikanische Land nach Nigeria der zweitgrößte Öllieferant Amerikas auf dem afrikanischen Kontinent. Öl macht den Löwenanteil der angolanischen Ausfuhren in die USA in Höhe von mehr als drei Milliarden Dollar jährlich aus. Ölimporte aus Afrika sollen mittelfristig die einseitige Abhängigkeit Amerikas vom Nahen Osten verringern helfen - und weitere amerikanische Investitionen sind für Angola von vitaler Bedeutung.

Zudem gewährte Washington großzüge Wirtschaftshilfe, sie beläuft sich in diesem Jahr auf 15, 4 Millionen Dollar. Dazu Angolas UN-Botschafter Martins: "Lange Zeit haben wir um Wiederaufbauhilfe nach dem langen Krieg gebeten. Niemand verknüpft die Hilfe direkt mit der Unterstützung in der Irak-Frage. Aber plötzlich kommt Geld."

Als sich Ende Februar die Staatschefs Afrikas zum Gipfel in Paris trafen, fehlte Angolas Präsident Jos Eduardo dos Santos. Er empfing lieber Washingtons Sonderbotschafter Walter Kansteiner. Dabei hat sich dos Santos wohl kaum den Argumenten des US-Besuchers entziehen können.

Kamerun: Am Tropf der Franzosen

Ein Drittel aller Importe bezieht Kamerun aus Frankreich, seine Ölfelder werden von französischen Konzernen ausgebeutet. Gleichwohl haben auch die Amerikaner ihr Engagement verstärkt. Zuletzt stiegen die Ausfuhren in die Vereinigten Staaten auf etwa 100 Millionen Dollar jährlich. Und Washington überwies knapp vier Millionen Dollar Entwicklungshilfe. Dennoch rechnen afrikanische Politologen mit einem Nein zum Krieg durch Kamerun.

Mexiko: In der Zwickmühle

Mexikos größter Handelspartner mit Ausfuhren in Höhe von 143 Milliarden Dollar jährlich ist naturgemäß das nördliche Nachbarland - Tendenz rapide steigend. Zur Zeit wird über weitere Zollerleichterungen verhandelt, die der mexikanischen Wirtschaft weiteren Auftrieb bringen könnten - wenn die Amerikaner es wollen. Präsident Vicente Fox kämpft trotzdem um Neutralität. Denn 90 Prozent der Mexikaner sind Umfragen zufolge gegen einen Krieg im Irak. Und in vier Monaten stehen Parlamentswahlen an.

Pakistan: Muslimische Loyalität und Teppichhandel

Präsident Pervez Musharraf sieht sich wachsendem Widerstand in der muslimischen Bevölkerung gegen einen Irak-Krieg ausgesetzt, doch ebenso hängt sein politisches Überleben nur unwesentlich weniger vom Wohlwollen der Vereinigten Staaten ab. Außerdem könnten die USA bei einem pakistanischen Nein unangenehme Fragen zur Rolle Pakistans beim nordkoreanischen Atomprogramm stellen.

Das Land erhielt erst kürzlich einen üppigen Kredit vom Internationalen Währungsfonds, in dem die USA den größten Einfluss haben. Zudem hat die Bush-Regierung dem Land ein Hilfspaket von 305 Millionen Dollar für dieses Jahr in Aussicht gestellt. Außerdem verabschiedete das Abgeordnetenhaus Handelserleichterungen für pakistanische Teppichhändler. So wird das Land vermutlich an der Seite Washingtons stehen.

Quelle: ntv.de