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Montag, 13. Dezember 2004

Französischer Super-Viadukt: Die höchste Brücke der Welt

Das Bauwerk ist höher als der Eiffelturm und weit länger als die Pariser Prachtallee Champs-Elyses. Von der "höchsten Brücke der Welt" bis zum "Viadukt des 21. Jahrhunderts" reihen sich die Superlative aneinander, mit denen das technische Meisterstück des britischen Star-Architekten Norman Foster bedacht wird. Das Entscheidende an seinem architektonischen Wurf bei dem südfranzösischen Städtchen Millau ist aber, dass damit eines der letzten Nadelöhre für den europäischen Autoverkehr beseitigt wird.

Zwei Tage nach der feierlichen Eröffnung durch den französischen Präsidenten Jacques Chirac an diesem Dienstag rollt der Verkehr über die Brücke, und die Riesenstaus in der Aveyron-Region gehören dann der Vergangenheit an. Der Autobahn A75 von Paris nach Barcelona fehlte zwischen Clermont-Ferrand und Bziers dieses Teilstück. Im Sommer quälten sich endlose Blechlawinen bei Millau durch das tiefe Tal.

Geniale römische Architekten hatten im Süden Frankreichs mit dem Pont du Gard ein weltbekanntes Aquädukt bauen lassen, um Nimes immer frisches Trink- und Badewasser zu liefern. Knapp zwei Jahrtausende später ist ein Stück weiter nordwestlich, am Rande der Cevennen, ein neuzeitliches Bauwerk der Rekorde entstanden. Das Viadukt bei dem Städtchen Millau bringt nicht nur den Straßenverkehr in Fluss, sondern zieht mit seinem Panaromablick Touristenmassen an.

Das Tal des Tarn in felsig-karger Gegend machte ein aufwendiges Projekt notwendig. Foster, zu dessen Arbeiten die Neugestaltung des Berliner Reichstages gehört, bekam den Zuschlag für seine anmutige Lösung. Seine 2.600 Meter lange Schrägseilbrücke steht auf sieben teils riesigen Stützpfeilern über dem Tarn, wobei der höchste mit 343 Metern den Eiffelturm um knapp 20 Meter übertrifft. Mehr als 200.000 Tonnen Beton, 36.000 Tonnen Stahl (mehr als das Fünffache des französischen Wahrzeichens an der Seine) und 9.000 Tonnen Straßenbelag sind verbaut worden.

"Das wird die größte und schönste Brücke der Welt", hatte der damalige Verkehrsminister Jean-Claude Gayssot zum Start der Arbeiten vor drei Jahren begeistert verkündet. Die bis zu 4,20 Meter dicken Fahrbahnplatten liegen auf der Höhe von maximal 270 Metern, was das Bauwerk zwar zu einer der höchsten Brücken macht. Die Rekordhöhe der Royal Gorge Bridge im US-Bundesstaat Colorado (321 Meter) übertrifft das Viadukt jedoch nur, wenn man nicht die Fahrbahnhöhe zum Maßstab nimmt, sondern den höchsten Pfeiler. Wie dem auch sei, der Pont de Millau wird als eine elegante und nützliche Brücke Karriere machen.

Denn in der Urlaubszeit war Millau immer mit Negativ-Schlagzeilen in den Verkehrsnachrichten. Auf 30 Kilometern kam die Autoschlange nur im Schritttempo durch das tiefe Tal zwischen dem Lvezou- Granitmassiv im Norden und der Hochebene von Larzac im Süden voran und verpestete die Luft. Obwohl dieses Nadelöhr behoben wird, liefen Umweltschützer zunächst Sturm gegen das Projekt, weil es angeblich die Landschaft verschandele, ökologische Probleme und eine Kostenlawine beschere.

Fosters Brücke sei "größenwahnsinnig und pharaonisch", meinten Grüne aus der Region und verlangten eine kleinere und integriertere Lösung - mit Vorfahrt für die Bahn. Vergebens. Fosters Super-Brücke wurde für 320 Millionen Euro in die Cevennen-Landschaft gestellt. Nahezu rund um die Uhr arbeiteten bis zu 3.500 Brückenbauer auf den neun Baustellen. Frankreich hat die Konstruktion in Konzession vergeben - die federführende Baufirma Eiffage hat nun 75 Jahre Zeit, die Kosten durch eine Maut wieder hereinzubekommen und dann Geld zu verdienen. Für die (im Sommer) bis zu 25.000 Fahrzeuge täglich wurde die Brückenmaut auf - je nach Saison - 4,90 bis 6,50 Euro festgelegt. Dieser "Bindestrich" zwischen Zentralmassiv und Mittelmeer ist dennoch Zeit und Kosten sparend.

Von Hanns-Jochen Kaffsack, dpa

Quelle: n-tv.de