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Kanzler und Kandidat Emotionsloser Wahlkampf

Die Überraschungen blieben aus. Nach einem 75 Minuten langen, konzentrierten Kräftemessen gingen Gerhard Schröder (SPD) und Edmund Stoiber (CDU) am Sonntagabend im alten DDR-Fernsehstudio in Adlershof auseinander. Trotz kontroverser Positionen versagten sich Kanzler und Kandidat fast durchgehend persönlich verletzende Beschimpfungen. Über weite Strecken schenkten sich beide aber bei der deutschen TV-Premiere vor der beruhigenden grau-blauen Kulisse nichts.

Abgearbeitet wurde in dem Kandidaten-Verhör von den beiden - zwei Meter voneinander entfernt postierten - Hauptdarstellern der erwartete Themenkatalog: Folgen der Flut, Umwelt, Arbeitsmarkt, Hartz-Vorschläge, Steuern-Konzept, Zuwanderung, Irak und Große Koalition. Richtig Neues wurde kaum geboten. Viele Antworten fielen wie vorgestanzte Wahlkampf-Erklärungen aus.

Nur einige Male mussten die beiden Moderatoren Peter Limbourg und Peter Kloeppel mahnend eingreifen, damit das Talk-Gefecht nicht doch noch aus dem Ruder lief. Nur keinen Fehler machen und vor allem Vertrauen bei den Zuschauern zu schaffen, lautete die spürbare Devise bei Amtsinhaber und Herausforderer.

Emotionen wurden kaum frei gesetzt. Nur die Frage nach der Rolle der Ehefrauen gab beiden Gelegenheit, kurz Einblick in das Privatleben zu geben. Geradezu provozierend gelassen ging Schröder in das Rennen: Statt sich zu Hause auf das Duell vorzubereiten, flog er überraschend noch am Nachmittag zu einem Gottesdienst für die Flutopfer nach Dresden.

Aus Sicht seiner Sekundanten schaffte er es auch in der TV-Debatte, sein in den Fluttagen gerade erneuertes Macher-Image aufzupolieren. Betont auf staatsmännische Zurückhaltung setzte der Kanzler. Den Herausforderer versuchte er mit Verweisen auf negative Entwicklungen in Bayern zu kontern.

Stoiber gab sich dagegen überraschend angriffslustig und überließ dem "Medienkanzler" nicht einfach das Feld. Er vermied über weite Strecken die aufgeregte Hektik und viele Verhaspler, die seine Berater noch in den ersten Auftritten nach seiner Nominierung zur Verzweiflung getrieben hatten. Erwartungsgemäß konzentrierte er sich darauf, immer wieder auf die Wunde der Arbeitslosigkeit hinzuweisen, die Rot-Grün hinterlasse.

Kaum hatten beide Kontrahenten das Studio geräumt, setzte bereits der Wettkampf der Berater um Sieg oder Niederlage ein. Beide Seiten gingen sofort an die Arbeit, ihre Sicht der Dinge unter die zahlreichen Journalisten vor Ort zu streuen und so gezielt Einfluss zu nehmen. Denn aus den USA hat sich die Erfahrung herumgesprochen, dass die "richtige Nacharbeit" manchmal wichtiger ist als das eigentliche Ereignis.

Pünktlich begann gleichzeitig auf fast allen TV-Kanälen der nicht weniger heftige Schlagabtausch der Polit-Experten. Fast die gesamte Zunft tauchte irgendwo in einem Studio auf, um den Zuschauern zu erklären, wer nun besser gewesen sei und welche Bedeutung der Auftritt auf die Wahl in vier Wochen haben werde.

Nicht wenige Fachleute sind skeptisch, ob solche TV-Showdowns tatsächlich die Wahl entscheiden. Ausgeschlossen wird aber nicht, dass angesichts der diesmal besonders zahlreichen unentschlossenen Wähler beide Duelle doch am Ende für wichtige Prozentpunkte sorgen werden.

Die ersten Blitzanalysen der Sender gaben einen Trend über den Ausgang des Auftaktrennens vor. Über die tatsächliche Wirkung auf das Publikum werden aber wohl erst die Umfragen am nächsten Wochenende mehr Sicherheit geben. Schon vor der Schlussrunde der Öffentlich-Rechtlichen in zwei Wochen haben die weiter Unentschiedenen erneut Gelegenheit, sich mehr Klarheit zu verschaffen. Bereits am kommenden Donnerstag liefern sich Kanzler und Kandidat ein weiteres direktes Wortgefecht - und zwar dort, wo es eigentlich hingehört: im Bundestag, bei der Sondersitzung zur Flutkatastrophe.

Joachim Schucht, dpa

Quelle: ntv.de

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