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Dienstag, 01. April 2003

Zachers wildes Leben: Endstation Freiheit

Biografien erscheinen gewöhnlich zum Ende des Lebens eines Beschriebenen. Bei Rolf Zacher trifft dies ganz sicher nicht zu, wenn auch sein bisheriges Leben so üppig an Ereignissen ist, das dieses für fünf weitere Menschenleben genügen dürfte. Zacher ist zäh, und so lässt sein Buch „Endstation Freiheit - Erinnerungen“ in dem der Schauspieler und Lebenskünstler selbst federführend zu Wort kommt, vermuten, dass sein 62. Geburtstag im März erst der Beginn eines neuen Lebens ist.

Ohne Punkt und Komma jagt Zacher in dem Buch durch seine Jahre, Filme und Lebenskrisen. Zunächst beginnt seine Berufszeit noch ganz bürgerlich: Seine Mutter, eine zentrale Person in seinem Leben, will für ihn eine gute, perspektivreiche Beschäftigung, ganz so wie heute die Jugendlichen solide Bankkaufleute werden sollen.

Zacher beginnt also eine Bäckerlehre, wird Lehrling. Beim Brötchenbacken ist er einer der Besten, beendet vorzeitig die Ausbildung. Mit der unerschütterlichen Gewissheit, es nun auch im anderen Metier schaffen zu können, setzt sich Zacher durch. Er will auf die Bühne. Zacher ist bereits in jungen Jahren besessen vom Traum, die Menschen zu unterhalten.

Gäbe es in den 60er Jahren den Terminus Ich-AG, Zacher wäre der Prototyp davon geworden. Etliche Jobs, Schauspielauftritte und Umzüge innerhalb Berlins und im Rest der damaligen Bundesrepublik hat der Berliner hinter sich. Immer quicklebendig, unorganisiert, führerscheinloser Mercedes-Fahrer und Liebling der Frauen mit den braunen Lockenhaaren, den großen Augen und sinnlich-vollen Lippen.

Zacher lebt das Leben, jede Buchseite ist randvoll mit ungehemmter Lebenslust. Er macht Deutschlands Schritte zum Erwachsensein auf seine Weise mit: Rebellisch frei in den 60ern, heroinabhängig in den 70ern, Zwischenaufenthalte in deutschen Gefängnissen, inbrünstig im Autofahren, ein künstlerisches Comeback in den 80ern und diverse Preise für seine Filmrollen.

Rolf Zacher ist der Gegenentwurf zum etablierten Mittelstandsleben, und auch dafür liebt ihn sein Publikum. Von ihm weiß man, dass er seine Entscheidung für Rollen schon mal von attraktiven Filmpartnerinnen abhängig machte und dass er körperlich sehr erregt war, als er seiner Tochter nach 19 Jahren begegnete. Trotzdem: Der Leser, der in seinem Buch heftige, detaillgenaue Sex-Szenen erwartet, muss zu anderer Lektüre greifen. Zacher deutet gentleman-like seine zahlreichen Affären und Liebschaften nur an.

Ein ehrliches Buch, das Zacher als den Jungen zeigt, der er auch heute noch ist, freiheitsliebend, triebhaft und lebensgierig, stark und fragil, ein Berliner mit Herz und Schnauze eben. Ein Mann, der ohne ein Lebenskonzept ein ungewöhnliches, volles Dasein geschaffen hat. Für sich, uns als Leser und Bewunderer seiner Filme.

Doren Pick

Rolf Zacher: "Endstation Freiheit - Erinnerungen", Berlin, Argon, 318 Seiten mit s/w-Fotos, 19,90 Euro

Quelle: n-tv.de