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Job-Boom mit Schattenseite Fachkräftemangel kostet

Wenn der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, am Donnerstag in Nürnberg die neuesten Arbeitsmarktzahlen bekannt gibt, dann hat er allen Grund zur Freude: Seit Frühjahr 2005 registriert die BA einen kontinuierlichen Rückgang der saisonbereinigten Arbeitslosenzahl. Experten sind sich einig, dass die Talfahrt dieses wichtigen Arbeitsmarktindikators, der saisonale Arbeitsmarktschwankungen ausblendet, längst nicht abgeschlossen ist. Die Freude der BA über den anhaltenden Job-Boom, der sich wohl auch im Februar fortgesetzt hat, ist freilich nicht ungeteilt. In der Wirtschaft werden Klagen über einen Fachkräftemangel Monat für Monat lauter.

Auch Silke Delfs, Leiterin der Abteilung Arbeitsmarktberichterstattung bei der BA, sieht derzeit keine Anzeichen für eine nachlassende Arbeitskräftenachfrage: "Das Angebot an offenen Stellen bewegt sich auf hohem Niveau, auch wenn bereits im Januar kein großer Wachstumssprung mehr zu verzeichnen war." Allein im Januar hatten Unternehmen den örtlichen Agenturen 528.000 freie Stellen gemeldet. Nimmt man noch die 175.000 zu besetzenden ABM-Stellen und Ein-Euro-Jobs, die 250-000 Stellen der BA-Internet-Jobbörse und jene 141.000 Stellen hinzu, die eine speziell entwickelte BA-Suchmaschine auf Firmen-Webseiten entdeckt hat, gab es zum Jahresanfang mehr als 900 000 freie Jobs.

Freie Schreibtischplätze, offene Handwerkerstellen

Von einem generellen Arbeitskräftemangel zu sprechen, hält Delfs für überzogen: "Es gibt allerdings Engpässe in bestimmten Berufen und Regionen", stellt sie fest. Dennoch dauert es inzwischen deutlich länger, eine freie Stelle zu besetzen als vor einigen Jahren. Hatte der Zeitraum vom Besetzungstermin einer freien Stelle bis zum ersten Arbeitstag des neuen Kollegen im Jahr 2005 noch im Durchschnitt 42 Tage gedauert, so hatte die sogenannte Vakanzzeit im Jahr 2007 bei 66 Tagen gelegen. Einen Ausreißer stellen vor allem Maschinen- und Fahrzeugbauingenieure dar: Bei dieser Berufsgruppen dauerte es im Schnitt 114 Tage, bevor die entsprechende freie Stelle besetzt war.

Nicht minder gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben Verkäufer Kaufleute und Handwerker. In der Gruppe der zehn bundesweit am meistgesuchten Arbeitnehmer rangierten im Januar 2008 Verkäufer und Warenkaufleute auf Platz eins; Firmen hatten der Bundesagentur insgesamt 22.000 solcher Stellen gemeldet - gefolgt von Elektrikern mit 21.000 freien Stellen, Werbe- und Dienstleistungskaufleuten sowie Bürofachkräften mit jeweils 18.000 freien Stellen. Stark gefragt waren zudem Schlosser, Kellner und Gastwirte, Lager- und Transportarbeiter, Krankenschwester, Sprechstundenhilfen und Masseure sowie Lastwagenfahrer.

Verluste ausgleichbar

Vor allem Wirtschaftsverbände werden nicht müde, vor einem weiteren Fachkräftemangel zu warnen. Immer häufiger müssten Aufträge abgelehnt werden, weil es an Fachleuten fehle, klagen Firmen immer wieder. Unterstützung bekam die Wirtschaft im vergangenen Sommer vom Bundeswirtschaftsministerium; nach einer Studie des Ministeriums hat der Fachkräftemangel allein im Jahr 2007 rund 20 Milliarden Euro Verluste verursacht.

Dagegen halten Arbeitsmarktforscher die Klagen über einen Fachkräftemangel für überzogen. "Der Arbeitsmarkt ist keineswegs leer gefegt. Es gibt noch immer arbeitslose 30.000 Ingenieure in Deutschland", stellte etwa die wissenschaftliche Mitarbeiterin der des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Franziska Schreyer, noch Mitte vergangenem Jahr fest. Dennoch räumte sie ein: "In einigen Teilbereichen hat sich der Arbeitsmarkt etwas verengt". So manche freie Ingenieursstelle ließe sich allerdings besetzen, wenn Unternehmen bereit wären, ältere Ingenieure und Frauen einzustellen. Nach BA-Einschätzung haben es manche Unternehmen offenbar auch versäumt, ihre Ingenieurs-Gehälter an die neue Marktsituation anzupassen: Wer guten Ingenieurnachwuchs wolle, müsse ihn besser bezahlen.

Von Klaus Tscharnke, dpa

Quelle: ntv.de