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Kinderarbeit in Liberia Firestone in der Kritik

Colin Sesay trägt auch am Sonntag, wenn er frei hat, seine schmutzige Arbeitskleidung. Das rote F für "Firestone" auf seiner Schirmmütze ist kaum noch sichtbar unter den braunen Flecken, die das flüssige Latex hinterlassen hat. Sesay arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten auf der weltgrößten Kautschukplantage in Liberia, auf der etwa acht Mio. Bäume wachsen.

Die US-Tochter des japanischen Unternehmens Bridgestone hatte während des Bürgerkriegs in den 90er Jahren die Produktion weitgehend eingestellt, doch allmählich kommt der Latex-Export aus Liberia wieder in Gang. Firestone steht derzeit unter Druck, die Arbeitsbedingungen der etwa 6.000 Angestellten auf der Plantage in Harbel deutlich zu verbessern. Die Lobbygruppe International Labor Rights Fund hat in den USA Klage wegen Kinderarbeit und "sklavenartiger Zwangsarbeit" eingereicht. Das Unternehmen betont jedoch, dass die Bedingungen für seine Arbeiter den liberianischen Standard weit übertreffen. Sesay ist für 750 Kautschukbäume zuständig. Mit einem Messer, das an einer langen Holzstange befestigt ist, schneidet er die Rinde der Bäume schräg ein, so dass der weiße Latex-Saft herausrinnt. Er darf nicht zu tief schneiden, um den Baum nicht zu verletzten. Sein Arbeitstag fängt gegen fünf Uhr morgens an. Wenn es noch nicht heiß ist, fließt das Latex besser.

Die milchige Flüssigkeit rinnt den Baum hinunter und tropft in einen Becher, der mit Draht am Baumstamm befestigt ist. Wenn Sesay alle Bäume angeschnitten hat, macht er erneut die Runde und schüttet das Latex aus den Bechern in große Blecheimer. Fünf große Blecheimer voll schafft er am Tag.

"Ich mag meine Arbeit, aber wir werden nicht gut bezahlt", sagt Sesay. Er verdient drei US-Dollar am Tag. Mit seiner Frau und den 15 Kindern wohnt er in einer der vielen Arbeitersiedlungen aus verfallenen Lehmhäusern auf der 320 Quadratkilometer großen Plantage. Ihre Habseligkeiten hängen in Plastiktüten an der Wand. "Meine Kinder gehen alle zur Schule", sagt Sesay stolz. Die älteren von ihnen müssen allerdings am frühen Morgen ihrem Vater bei der Arbeit helfen, damit er seine Quote schafft.

Firestone produziert seit 1926 in dem kleinen westafrikanischen Land, das von frei gelassenen Sklaven aus Nordamerika gegründet wurde. Das Unternehmen besitzt eigene Schiffe, um Latex in flüssiger Form und in Ballen in die USA zu exportieren. Dort wird es für Autoreifen und andere Produkte weiterverwendet.

Liberianer haben bislang vergeblich gefordert, dass Firestone eine Reifenfabrik in Liberia baut anstatt das billig erzeugte Rohmaterial zu exportieren. Es lohne sich nicht, in Liberia Reifen herzustellen, da weitere Rohmaterialien importiert werden müssten, betont das Unternehmen auf seiner Website. Außerdem gäbe es in Westafrika keinen Absatzmarkt.

Vor zwei Jahren, nach dem Ende des Bürgerkriegs, hat Firestone sein Abkommen mit der liberianischen Regierung neu verhandelt. Damals hat sich das Unternehmen unter anderem verpflichtet, ein Krankenhaus und eine Schule zu bauen und eine neue Generation von Kautschukbäumen anzupflanzen. Die seit Anfang 2006 amtierende Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf will das Abkommen nun erneut verhandeln, um die Arbeitsbedingungen auf der Plantage zu verbessern. Nach Ablauf der derzeitigen Lizenz im Jahr 2042 soll aus der Kautschukplantage ein Joint Venture von Firestone und der liberianischen Regierung werden.

Plantagenarbeiter Sesay weiß nichts von diesen Verhandlungen. Er ist auf der Plantage geboren und wird sie vermutlich auch bis zu seinem Lebensende nicht mehr verlassen. Doch sein Sohn Michael hat andere Pläne. "Diese Arbeit macht einen kaputt", sagt er. "Ich möchte auf keinen Fall auf der Plantage bleiben. Ich möchte studieren und Ingenieur werden."

Von Ulrike Koltermann, dpa

Quelle: ntv.de