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Bezahlter Sex wird teuer Freier vor Gericht

Im Kampf gegen die Prostitution ziehen Justiz und Kommunen in Frankreich zusehends schärfere Saiten auf. Dabei gehen sie seit neuestem nicht nur gegen Dirnen und ihre Zuhälter vor, sondern auch gegen Kunden. In Bordeaux stehen erstmals vier Freier neben vier Prostituierten vor Gericht. Die zwischen 25 und 36 Jahre alten Männer hatten mit den Frauen Verkehr in ihren Autos, die sie auf Parkplätzen abgestellt hatten. Dabei wurden sie von der Polizei überrascht.

Nun sollen sie sich wegen Exhibitionismus verantworten. Ihnen drohen Freiheitsstrafen von bis zu einem Jahr und Geldstrafen bis 15.000 Euro. "Ich wusste nicht, dass Liebe machen verboten ist", sagte einer der Angeklagten. "Ich wollte mich nicht zur Schau stellen, außerdem waren wir auf einem abgelegenen Teil des Parkplatzes", empörte sich ein anderer, der sich bei seinem Treiben plötzlich nicht nur der Polizei, sondern auch einem Fernsehteam gegenüber sah.

Der Prozess schlägt hohe Wellen in der französischen Presse, die über das für den 9. Oktober erwartete Urteil spekuliert. "Le Monde" vermutet als Ziel für den Prozess hauptsächlich Abschreckung. Besorgt fragt die linksliberale "Libration": "Werden jetzt die Kunden zum Hauptziel der Polizei im Kampf gegen die Prostitution?" Der konservative "Figaro" zitiert einen Prozessbeobachter, der schimpfte: "Und der Voyeurismus, ist der in Frankreich denn nicht verboten?"

"Es passiert am hellen Tag"

Im konservativ regierten Bordeaux wie in vielen anderen französischen Städten würde die Stadtverwaltung das horizontale Gewerbe am liebsten ganz abschaffen. Olivier Poulet, Staatsanwalt im Freier-Prozess, ist verärgert über die Schamlosigkeit der Sex-Verkäuferinnen: "Es passiert am hellen Tag, in einem Auto, in einem Hauseingang oder zwischen zwei Autos auf einem Parkplatz. Viele Eltern wollen mit ihren Kindern nicht mehr auf die Straße, aus Angst, sie mit schockierenden Szenen zu konfrontieren."

Manch ältere Prostituierte führt den Sittenverfall auf den Vormarsch ausländischer Konkurrenz zurück. Ihr Anteil am französischen Markt des leichten Gewerbes liegt bei schätzungsweise 70 Prozent. Noch vor vier Jahren war das Verhältnis umgekehrt: Mehr als zwei Drittel der Prostituierten stammten damals aus Frankreich. Statistiker vermuten, dass im gesamten Land 15.000 bis 30.000 Frauen ihren Körper regelmäßig verkaufen, dazu kommen etwa doppelt so viele "Gelegenheits-Prostituierte". Die Hälfte arbeitet im Großraum Paris.

"Eine Form von Sklaverei"

Im Rathaus der Hauptstadt wächst die Bereitschaft, den Dirnen das Handwerk zu legen. Für Anne Hidalgo, Beigeordnete des sozialistischen Bürgermeisters Bertrand Delano, ist es "der Kampf gegen eine Form von Sklaverei und Ausgrenzung". Ihr Kollege Christophe Caresche will ein Gesetz in die Nationalversammlung einbringen, nach dem die Käufer von bezahltem Sex mit zwei Jahren Gefängnis und einem Bußgeld von 30.000 Euro bestraft werden können.

"Kunde zu sein bedeutet, Komplize der Sklaverei zu sein", sagt Hidalgo. "Die Realität der Prostitution ist heute weit entfernt von dem verklärenden Bild aus alten Filmen." Die Tage von Irma La Douce, der französischen Dirne mit dem Herzen aus Gold, die in Musical und Film ein romantisches Bild der Szene zauberte, scheinen endgültig gezählt.

Daniel Zwick, dpa

Quelle: ntv.de