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Dienstag, 19. Februar 2008

Michael Aßländer im Interview: Gedrillt auf Gewinn

Den Managern in Deutschland fehlt es nach Ansicht des Wirtschaftsethikers Michael Aßländer an moralischem Bewusstsein. Schon in der Ausbildung schleichen sich starke Defizite ein, so der Professor von der Universität Kassel. Im Gespräch mit n-tv.de zeigt Aßländer auf, wie nötig Deutschland seiner Ansicht nach eine Wertediskussion hat.

n-tv.de: Der Fall Zumwinkel und andere hunderte Verdächtige, die möglicherweise im großen Stil Steuern hinterzogen haben: Überrascht Sie das?

Michael Aßländer: Nein, überrascht bin ich nicht. Es ist ja so, dass sich eine monetäre Elite seit Jahren vom Zahlen verabschiedet – auf legalem oder halblegalem Weg. Da wundert es nicht, wenn einige dabei sind, die es auch auf illegalem Wege tun.

SPD-Generalsekretär Heil spricht von den "neuen Asozialen". Was sagen sie zu dieser Definition?

Derartige Etikette sind wohlfeil. Das ist für die Debatte nicht sonderlich förderlich. Wir sollten diese Debatte vor dem Hintergrund einer allgemeinen Wertediskussion führen und darüber nachdenken, ob wir nicht als Gesellschaft eine Teilschuld an dieser Entwicklung tragen. Auf dem Aktienmarkt kaufen wir die Aktien, die steigen, und nicht die, die stagnieren. Und wir fragen natürlich nicht, warum diese Aktien steigen und welche Moral letztendlich bei der Unternehmensführung dahinter steht. Es ist doppelbödig, auf der einen Seite die große Entrüstung zu zeigen, im Kleinen aber genau nach diesen monetären Gesichtspunkten zu handeln.

Wie verbreitet ist das Phänomen der Steuerhinterziehung?

Da müssen Sie die Finanzbehörden fragen. Ich glaube aber, dass ein latentes Bewusstsein, durch das Steuerrecht ungerecht behandelt zu werden, sehr verbreitet ist. Und das äußert sich bei Großverdienern im Millionenbereich und bei Kleinverdienern, in dem sie das eigene Fahrtenbuch etwas frisieren. Die Wurzeln dieses Übels sitzen wesentlich tiefer. Der Staat wird als Institution betrachtet, die in einer ungerechten Art und Weise Zugriff auf den eigenen Geldbeutel hat. Die Konsequenz ist: Wenn ich mich ein oder zwei Mal betrogen fühle durch den Staat, dann versuche ich nach Maßgabe meiner eigenen Möglichkeiten beim nächsten Mal eine Art "ausgleichende Gerechtigkeit" herzustellen.

Ein Manager, der Millionen hat: Warum geht der dieses Risiko ein für verhältnismäßig wenig Ersparnis?

Das Risiko ist doch nicht groß. Es war ja nicht die Steuerbehörde, die Herrn Zumwinkel oder seine Stiftung enttarnt hat, sondern ein anonymer Hinweisgeber, der Datenmaterial verkauft hat. Es ist nicht so, dass wir es mit einem Fahndungserfolg der Steuerbehörde zu tun haben. Das Risiko, von einer Steuerbehörde entdeckt zu werden, halte ich für relativ gering.

Was für ein Klima herrscht im Management? Ist so was ein Kavaliersdelikt oder gar eine sportliche Herausforderung?

Ich möchte das jetzt nicht auf den Volkssport Steuerhinterziehung reduziert wissen. Aber natürlich vergleichen sich die Akteure miteinander, natürlich sieht man, welche Gehälter im internationalen Kontext gezahlt werden und wie hoch dort die Steuern sind. Und natürlich unterhält man sich über Möglichkeiten, Geld nicht zu versteuern. Ob man sich dabei auch trifft und darüber unterhält, wie man das auf illegalem Weg machen kann, dazu möchte ich mich nicht äußern.

Darf man an Leistungsträger höhere moralische Ansprüche stellen? Oder ist das eine "verbotene" Erwartung?

In beiden Fällen Ja. Man darf natürlich höhere Erwartungen stellen, was allein mit einer gewissen Vorbildfunktion zu tun hat und damit, dass Leistungsträger im öffentlichen Rampenlicht stehen. Das betrifft Sport-Idole genauso wie Politiker und Manager. Es ist übrigens keinesfalls so, dass diejenigen, die gerade fröhlich mit dem Finger auf Herrn Zumwinkel zeigen, da selbst durchwegs eine besonders weiße Weste hätten. Andererseits muss man sehen, dass auch Top-Manager Menschen sind. Und es sind darüber hinaus Menschen, die durch ein spezifisches Raster aussortiert werden. Top-Manager müssen monetär erfolgreich sein, sie werden an ihren Quartalsergebnissen gemessen. Und da darf man sich nicht wundern, wenn derartige monetäre Überlegungen auch im Privatbereich eine Rolle spielen.

Ist es auch der goldene Käfig, in dem ein Top-Manager lebt? Sieht er vielleicht gar nicht mehr, wofür der Staat Geld braucht?

Ja. Eine Gerechtigkeitsüberlegung von Patricia Werhane und Norman Bowie in Anlehnung an John Rawls "Theorie der Gerechtigkeit" zeigt das. Angenommen, es wäre möglich, alle Stakeholder eines Unternehmens - Kapitalgeber, Arbeitnehmer, Management, Vertreter der Kommunen etc. - auf einmal zusammenzubringen, um sie darüber entscheiden zu lassen, nach welchen Grundsätzen die Unternehmensgewinne verteilt werden sollen. Und weiterhin angenommen, keiner der Verhandlungspartner könnte zum Zeitpunkt der Verhandlungen voraussagen, welcher Stakeholdergruppe er künftig tatsächlich angehören wird, da ihn am Ende der Verhandlungen ein tiefer Schlaf überkäme und er an beliebiger Position in dem von ihm mitbestimmten System aufwachen würde.

Dann, so Bowie und Werhane, bestünde wenig Anlass zu glauben, dass das auf diesem Wege etablierte Entlohnungssystem auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit dem derzeit geltenden aufweisen würde. Denn: Alleine aus Klugheitsüberlegungen müsste der schlechteste Posten gerade noch so mit monetären Anreizen versehen werden, dass ich im Zweifel selbst bereit wäre, ihn anzunehmen. Ich wage zu bezweifeln, dass die großen Wirtschaftsführer noch interessiert wären, hier unter gleichen Voraussetzungen zu tauschen.

Kann Moral in der Wirtschaft ein Wettbewerbsfaktor sein oder werden?

Natürlich! Es wird hier ja auch eine Reihe von Dingen bewegt. Es gibt derzeit eine sehr breite Debatte um die Sozialverantwortung von Unternehmen. Und da geht es um Entlohnungssysteme, Sozial- und Umweltstandards und Fragen der Mitarbeiterbehandlung. Unternehmen verschaffen sich durch Integrität und moralisches Auftreten ein Reputationskapital. Das kann man unheimlich schnell wieder verspielen, wie wir es gerade erleben. Aber wenn ein Unternehmen glaubwürdig auftritt und auch im Falle möglichen Fehlverhaltens nichts verschleiert und transparente Strukturen schafft, dann baut dies einer möglichen Vorverurteilung und dem damit zusammenhängenden Imageschaden vor. Die Reputation ist also eine Art Versicherungsprämie.

Die meisten Top-Manager waren mal Studenten an einer Universität. Was läuft da also in der Lehre falsch?

Fragen der sozialen und moralischen Kompetenz werden in der Lehre so gut wie gar nicht besprochen. Die meisten Ausbildungsgänge sind stark technisch orientiert. Und je elitärer ein Studiengang ist, desto geringer ist der Platz, der diesen Bereichen eingeräumt wird.

Dazu kommt, dass die Studienstruktur immer straffer gestaltet wird und die Studienzeiten immer kürzer werden sollen. Das senkt das Interesse und die Möglichkeit, mal über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und sich mit sozialen und ethischen Themen außerhalb des eigenen Curriculums auseinanderzusetzen. Zudem spielt bei diesem Komplex eine gar nicht oder nur halbherzig geführte Wertedebatte ebenfalls eine große Rolle.

Wenn Sie drei Maßnahmen durchsetzen könnten was würden Sie tun, um die Wirtschaft zu "moralisieren"?

Ich glaube nicht, dass das ein Prozess ist, der innerhalb von wenigen Monaten abschließbar ist. Ursache des Problems ist schließlich auch eine Werteverschiebung, die über Jahre hinweg stattgefunden hat. Dennoch: Wenn ich drei Dinge ändern sollte, dann würde ich erstens bei den Nachwuchs-Managern eine viel stärkere Diskussion über das Wertesystem anregen und da klarstellen, dass man nicht alleine nach monetären Kennzahlen entscheiden sollte. In Japan werden Sie als Nachwuchs-Manager erstmal in der Fertigung ans Band gestellt und bekommen so eine wesentlich größere Loyalität gegenüber den Mitarbeitern.

Ein zweiter Punkt: Die staatlichen Strukturen sind ausgesprochen intransparent geworden. Die Steuerzahler betrachten das System als fragwürdig und nehmen irgendwann das vermeintliche Recht in die eigenen Hände. Wenn die Strukturen transparenter wären, könnte man auch ein größeres Maß an Solidarität erwarten. Und drittens: Wir haben nicht bloß eine Marktwirtschaft in Deutschland, sondern eben eine soziale Marktwirtschaft. Das setzt eine Moral voraus. Wenn Herr Zumwinkel sagt, in einer Marktwirtschaft hat Moral keinen Platz, dann muss man sich gleichzeitig fragen, warum er von seinen Kunden erwartet, dass sie so ehrlich sind und das richtige Porto auf den Brief kleben.

Mit Michael Aßländer sprach Jochen Müter

Quelle: n-tv.de