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Biometrie im Alltag Gesichtskontrolle im Zoo

Sabine Siebold

Wer in Rülzheim in der Pfalz einkaufen geht, braucht dazu keinen Geldbeutel mehr. Der rechte Zeigefinger genügt: Zehn Prozent des Umsatzes in seinem Edeka-Markt macht Inhaber Roland Fitterer inzwischen mit Kunden, die per Fingerabdruck zahlen. Bis Ende 2006 wollte Edeka im Südwesten mehrere hundert Märkte mit dem Fingerabdruck-Scann ausstatten.

Während Datenschützer noch Bedenken gegen den neuen biometrischen Reisepass haben, der auf alle seit heute
eingehenden Pass-Anträge ausgegeben wird, ist für viele Deutsche der Einsatz von Biometrie längst Alltag. Inline-Skater können im Biergarten in Heilbronn per Fingerabdruck ihre Zeche begleichen, im Zoo Hannover erhalten Besucher per Gesichtserkennung Einlass und das Atomkraftwerk Gundremmingen scannt die Gesichter seiner Mitarbeiter, ehe sie Zutritt zum Sicherheitsbereich bekommen. Im privaten Bereich sei die Biometrie in Deutschland bereits recht verbreitet, bilanziert Biometrie-Experte Dirk Scheuermann vom Fraunhofer-Institut SIT in Darmstadt. Im öffentlichen Leben dagegen könne die Ausgabe der biometrischen Pässe den Durchbruch bedeuten. Danach sei es denkbar, dass Banken ihre Geldautomaten mit Fingerabdruck- oder Iris-Erkennungssystemen ausstatteten oder die Behörden biometrische Merkmale auf den Führerschein aufnähmen.

Milchtüte zahlen mit dem Finger


"Wir sind begeistert, und die Kunden sind es auch", sagt Fitterer, in dessen Rülzheimer Supermarkt die Kunden seit November 2004 mit ihrem Fingerabdruck bezahlen können. Wer will, hinterlegt seinen Fingerabdruck und schließt einen Vertrag mit dem Supermarkt ab, der den Betrag dann vom Konto des Kunden abbucht. Mittlerweile hätten mehr als 350 Kunden ihren Fingerabdruck registrieren lassen, die älteste von ihnen sei 75 Jahre alt, sagt Fitterer. Bis Ende 2006 will er 20 bis 25 Prozent seines Umsatzes mit Kunden machen, die per Fingerabdruck zahlen. Seine fünf Edeka-Märkte in der Umgebung von Baden-Baden sollen im November mit dem System ausgestattet werden.

Im Heilbronner Biergarten "Food Court" von Thomas Aurich dagegen ist das Zahlen per Fingerabdruck zwar kein Umsatzrenner, aber gut fürs Marketing. "Die Akzeptanz ist vergleichsweise gering", sagt Aurich. Er hat das System ursprünglich für Inline-Skater angeschafft, die keinen Geldbeutel mit sich herumtragen wollen. Aber nur etwa 50 Gäste pro Jahr drückten ihren rechten Zeigefinger auf den Scanner am Tresen, sagt Aurich.

Gesichtskontrolle vor Zoobesuch

Im Zoo Hannover dagegen ist die biometrische Kontrolle im Masseneinsatz: Die gut 70.000 Jahreskarteninhaber werden dort seit 2003 per Gesichts-Scann eingelassen, im Sommer bis zu 1000 Menschen pro Stunde. "Wir sind zufrieden, es funktioniert. Vorher hatten wir ein Fingerprint-System, das war ein Flop", sagt Zoo-Direktor Klaus-Michael Machens. Er selbst neige im Winter zu kalten Fingern und sei damals öfters nicht eingelassen worden. Der Gesichts-Scann versage nur bei etwa 15 Prozent der Stammgäste, die dann von Hand eingelassen würden. "Das könnte man sicher verbessern, wenn man für bessere Lichtverhältnisse sorgen würde", sagt Machens. Den Aufwand hält er aber für unnötig. Ein Ziel immerhin sei mit dem Gesichts-Scann erreicht worden: Der Zoo verkaufe mehr Jahreskarten als vorher, weil sich niemand mehr einfach eine fremde Karte leihen könne.

In einem sicherheitstechnisch sensiblen Bereich setzt das Atomkraftwerk Gundremmingen die Gesichtserkennung ein: Mitarbeiter bekommen seit 2002 - nach der üblichen Kontrolle an der äußeren Pforte - per Gesichts-Scann Zutritt zum inneren Sicherheitsbereich, wie ein Sprecher der Betreibergesellschaft RWE Power sagt. Dies diene dazu, vor allem in der Nacht Personal zu sparen.

Quelle: ntv.de