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Gedenken an Dresden Gespräch mit Ralph Giordano

Vor 60 Jahren starben Zehntausende, als die Bomben der Alliierten die Stadt Dresden zerstörten. Der Angriff ist besonders umstritten: Experten bezweifeln den militärischen Sinn, da im Februar 1945 der Krieg schon fast entschieden war. Sollte es das Ziel der Alliierten gewesen sein, die deutsche Bevölkerung zur Auflehnung gegen das Hitler-Regime zu bringen, so hätten sie es verfehlt: Eher konnten die Nazis das Leiden der Menschen propagandistisch ausschlachten. Das geschieht noch heute, wenn Neonazis im Zusammenhang mit Dresden vom "Bombenholocaust" sprechen.

Der Publizist Ralph Giordano hat uns als Zeitzeuge seine Sicht der Ereignisse geschildert. Als Sohn einer jüdischen Mutter war der 1923 geborene Giordano der Verfolgung durch die Nazis ausgesetzt. In seiner Heimatstadt Hamburg erlebte er die Bombennächte des Luftkrieges.

n-tv: Herr Giordano, wie haben Sie persönlich das Kriegsende erlebt?

Ralph Giordano: An dem Tag, an dem meine jüdische Mutter deportiert werden sollte, ist meine Familie in den Untergrund gegangen. Das hatte ich vorbereitet. In ein dunkles, ewig feuchtes, rattenverseuchtes Verlies, aus dem wir dann am 4. Mai 1945 befreit worden sind durch die britische Armee. Und wenn die Engländer eine Woche später gekommen wären, wären wir dort verhungert, weil wir seit vier Wochen von jeglicher Lebensmittelzufuhr abgeschnitten waren. Wir sind versteckt worden von einer ehemaligen Nachbarin in einem ausgebombten Teil von Hamburg, wo allerdings Nachbarn waren, die Gefahr einer Entdeckung war also groß. Wir hatten eigentlich nicht geglaubt, dass wir dieses Hitlerdeutschland überleben würden. Und noch heute, 60 Jahre danach, wache ich morgens auf und frage mich: Giordano, hast Du das eigentlich wirklich überlebt? Es bleibt für mich ein Wunder, dass ich das überlebt habe.

n-tv: Sie haben auch Luftangriffe erlebt, wie war das, in Ihrer Situation?

Ralph Giordano: Ich habe alle Höllen des Luftkrieges miterlebt, alle. 100 Angriffe allein auf Hamburg, dann sind wir selber ausgebombt worden, in der Nacht vom 29. zum 30. Juni 1943. Dass ich hier vor Ihnen sitze ist ein Zufall – hätte der britische Bomberpilot etwas anders gezielt... Ich erinnere mich, dass um uns herum Hunderte von Brandbomben einschlugen und wir haben es wie durch ein Wunder überlebt. Als Zwangsarbeiter musste ich aus den Trümmern Leichen herausholen, Männer, Frauen, die auf die Größe eines Brotlaibes zusammengeschmort waren. Aber: Zu keiner Sekunde gab es für mich den geringsten Zweifel daran, wer primär für diesen Luftkrieg, für diese Luftkriegstoten, und für die Opfer der Vertreibung und der Flucht verantwortlich war: Hitler und das nationale Kollektiv seiner Anhänger.

n-tv: Haben Sie das damals auch so empfunden, als Sie Angst vor den Bomben hatten?

Absolut. Die erste Gefahr für uns war natürlich das Naziregime, die Gestapo. Aber die zweite Gefahr war die, von unseren Befreiern getötet zu werden. Weil eben Bomben nicht unterscheiden zwischen Verfolgern und Verfolgten. Wir waren uns dessen vollkommen bewusst, auch damals. Obwohl wir gesehen haben, was da angerichtet worden ist. Und trotzdem blieben die da oben immer ein Teil meiner Befreier. Dass das hier ganz klar ist. Obwohl sie auch uns bedrohten. Obwohl ich nur durch Zufall hier vor Ihnen sitze und von ihren Bomben nicht getroffen wurde. Sie waren immer meine Befreier, daran hat sich nichts geändert. Denn wir wussten eben auch, wer verantwortlich war. Ich möchte, dass das hier in voller Klarheit gesagt wird, ohne dass das irgend etwas ändert an der bodenlosen, grenzenlosen Trauer die ich empfinde für diese Menschen, die Deutschen, die da unter den Brandbomben umgekommen sind.

n-tv: Nun sind ja die Luftangriffe zu einem Zeitpunkt, an dem der Krieg schon fast entschieden war, auch in Großbritannien umstritten. Es gibt Historiker die sagen, gerade der Angriff auf Dresden sei wegen der vielen zivilen Opfer, der vielen Flüchtlinge in der Stadt ein Kriegsverbrechen gewesen. Was denken Sie darüber?

Ralph Giordano: Diese These, dass der Angriff auf Dresden wegen des nahen, absehbaren Kriegsendes verbrecherisch gewesen sei, ist für mich problematisch. Ich frage mich, ob die deutschen Bombardierungen von Warschau, Rotterdam, Coventry, London, Liverpool, Belgrad am Anfang des Krieges weniger verbrecherisch gewesen sind als das, was da am Ende des Krieges geschehen ist. Und: Ehe Dresden. Köln, Hamburg, Berlin, Pforzheim, Würzburg gebrannt haben, haben die Synagogen in Deutschland gebrannt. Zwischen diesen beiden Bränden sehe ich eine kausale Ursache. Noch etwas: Am Morgen der Nacht, in der Dresden unterging, ging der letzte Transport Hamburger Juden nach dem Osten ab. Das heißt, das Ende des Krieges war abzusehen, die alliierten Heere standen in Ost und West schon auf deutschem Boden, nichts funktionierte mehr, alles ging drunter und drüber. Nur Eichmanns Deportationsmaschine, die funktionierte noch.

An diesem Morgen des 14. Februar 1945 sollte meine Mutter mit dabei sein. Das habe ich verhindert, dadurch, dass wir in den Untergrund gegangen sind, und in diesem Untergrund überlebt haben. Aber diese Gedankenverbindung zwischen dem Untergang Dresdens und dem letzten Transport Hamburger Juden ist immer da. Im Übrigen, auch in Dresden waren in der Zeit um den Angriff Deportationen von Juden geplant – denen hat der Angriff das Leben gerettet.

n-tv: Sie meinen also, dass es nicht stimmt, dass schon alles entschieden und der Angriff unnötig war?

Ralph Giordano: Vom Stadium des Geschehens her war dieser Angriff auf Dresden in jeder Beziehung unnötig. Infolge dessen kann man sich durchaus fragen, ob nicht die Alliierten damit ein Eigentor geschossen haben. Allein schon weil es Nahrung war für jene, die damit die deutschen Bombardierungen europäischer Großstädte relativieren wollen. Aber ich möchte nicht, dass dieser Gedanke in den Mittelpunkt gestellt wird, weil das die primär Verantwortlichen entlastet: Hitler und seine Anhänger.

n-tv: Sie sprachen gerade davon, dass die Bombardierung Dresdens der anderen Seite Argumente geliefert hat. Das dauert ja bis heute an. Was denken Sie darüber, wenn zum Jahrestag des Angriffs auf Dresden Rechtsradikale demonstrieren wollen?

Ralph Giordano: Die, denen die deutsch verursachten Opfer völlig gleichgültig sind heucheln Anteilnahme für deutsche Opfer! Sie haben keine innere Beziehung zu irgendeiner Opfergruppe, jede Opfergruppe ist ihnen nichts als Aufrechnungsmasse für ihre entseelte Toten-Arithmetik. Ich frage mich, was in Deutschland schief gelaufen ist, dass wir uns 60 Jahre danach herumschlagen müssen mit der Frage, ob die zeitgenössische Variante des Nationalsozialismus noch mehr parlamentarischen Einfluss bekommt als sie jetzt schon hat, mit ihrem Einzug in den sächsischen und den brandenburgischen Landtag. Was ist hier schief gelaufen? Was stimmt hier nicht in Deutschland, dass wir uns solche Fragen stellen müssen?

Da kann ich nur sagen, schief gelaufen ist, wogegen ich mich mein ganzes Leben gewehrt habe: Dass die NS-Zeit verdrängt wird, verleugnet wird. In einer Republik, die so entschieden gegen ihre Feinde vorgegangen wäre, wie sie es verdient hätten, hätten diese Leute von der NPD nie ein Bein auf den Boden bekommen. Stattdessen wird der Rechtsstaat so ausgelegt, dass auch seine Feinde unter Presse- und Meinungsfreiheit fallen, obwohl jeder weiß, dass diese Leute alle Freiheiten sofort abschaffen würden, wenn sie könnten, wie sie wollten.

n-tv: Wenn Sie angesichts dessen in die Zukunft blicken, tun Sie das mit Sorge oder doch mit Optimismus?

Ralph Giordano: Ich will nichts abwiegeln, aber diese Rechte wird die demokratische Republik, den demokratischen Verfassungsstaat nicht aushebeln können. Deutschland ist eingebettet in die europäische Demokratielandschaft und kann nicht heraus. Aber die Schmerzgrenze beginnt ja viel früher: Da, wo diese Leute sich durch ihre parlamentarischen Erfolge in Licht setzen können, wie das jetzt geschieht. Wenn ich Nachrichten höre, höre ich NPD, NPD, NPD, das ist ihnen schon gelungen. Also, härter vorgehen gegen sie mit den Sicherheitsorganen, mit den Organen des Staates, aber natürlich auch durch Erziehung, durch Aufklärung. Da fehlt ja etwas, dadurch haben diese Leute ja Erfolge. Vor allem im Osten hat es sicher viele Protestwähler gegeben, die NPD gewählt haben, ohne ihrer Ideologie anzugehören. Trotzdem bleibt es unheimlich, wenn in Deutschland - nach allen Erfahrungen, die wir gemacht haben! - die Menschen rechts wählen, weil es ihnen schlecht geht. Von dieser Seite kann doch überhaupt keine Lösung kommen! Das sind letztlich geschichtliche Verlierer, Leute die nur eine Rück-Sicht haben und überhaupt nicht nach vorne blicken können. Verbale Stotterer zum großen Teil, politische Stotterer, aber leider auch Leute mit bürgerlichem Habitus, und die Gedanken dieser NPD reichen bis in die Mitte der Gesellschaft hinein. Das alles ist beunruhigend genug.

Das Gespräch führte Donata Dröge

Quelle: ntv.de