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Freiwillig bei der Waffen-SS? Grass klagt gegen Verlag

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass (80) hat beim Landgericht Berlin eine Unterlassungsklage wegen einer Waffen-SS-Passage in einer Grass-Biografie von Michael Jürgs eingereicht. Die Klage gegen die Verlagsgruppe Random House (Goldmann-Verlag) richtet sich gegen die Behauptung, Grass habe sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges "freiwillig" zur Waffen-SS gemeldet. Das sagte eine enge Grass-Mitarbeiterin am Freitag der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Laut "Spiegel" hat Grass der Klageschrift eine eidesstattliche Versicherung beigefügt. Darin heiße es: "Meiner Darstellung in meinem Buch "Beim Häuten der Zwiebel" liegen folgende, von mir klar erinnerte Fakten zugrunde: Ich habe mich als 15-Jähriger in Gotenhafen freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, und zwar zum Dienst bei der U-Boot-Waffe, ersatzweise zur Panzerwaffe. Mit einer Meldung zur Waffen-SS hatte das weder direkt noch indirekt irgendetwas zu tun. Die Einberufung zur Waffen-SS erfolgte ohne mein aktives Zutun erst im Zuge der Zustellung des Einberufungsbefehls im Herbst 1944."

Verlag nicht überrascht

Dem Goldmann-Verlag liegt die Klage nach Angaben einer Sprecherin noch nicht vor. Der Rechtsanwalt des Verlags, Rainer Dresen, sagte der dpa ergänzend, "wir wissen aber, worum es geht, wir haben ja erwartet, dass da etwas kommt". Eine ähnliche Unterlassungsforderung habe es auch schon in außergerichtlichen Schreiben gegeben, auf die der Verlag bereits geantwortet habe. Es gebe "viele Hinweise und Argumente, die die Darstellung des Biografen, Grass sei der Waffen-SS freiwillig beigetreten, rechtfertigen", sagte der Anwalt.

Gegenüber dem "Spiegel" betonte Dresen, es fehle in der Grass-Erklärung bisher "die klare und einfache Aussage: 'Ich habe mich nicht zur Waffen-SS gemeldet.'" Und es fehle ebenso die Aussage, dass Grass "mit der Meldung zur Panzerwaffe die Wahrscheinlichkeit vergrößert hat, bei der Waffen-SS zu landen". Das sei die Kernargumentation des Verlags und des Biografen, sagte Dresen. Nach seiner Einschätzung wird die Biografie bis zu einem rechtskräftigen Urteil im Buchhandel bleiben.

Harte Nuss für Grass


Anlass der Klage ist ein Satz in der Neuauflage (2007) der Biografie "Bürger Grass", der bei ihrem ersten Erscheinen 2002 von manchen Kritikern eine "unverhohlene Bewunderung" für den Literaturnobelpreisträger bescheinigt wurde. Der neue Satz lautet: "Günter Grass bekannte, seine Nuss knackend, sich als Siebzehnjähriger freiwillig zur Waffen-SS gemeldet zu haben."

Anlässlich des Verbots von Maxim Billers Roman "Esra" hatte Grass auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober gesagt, "jedes Buch sollte erscheinen dürfen". Dann könne jeder Leser sein Urteil fällen. Lügen dürften aber nicht verbreitet werden.

Grass hatte in seiner im Sommer 2006 erschienenen Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" erstmals über seine Mitgliedschaft als 17- Jähriger bei der Waffen-SS berichtet und in einem Interview dazu betont, er habe das "im Rückblick immer als einen Makel empfunden". Bislang hatte es in den Biografien des am 16. Oktober 1927 in Danzig geborenen Schriftstellers geheißen, er sei 1944 als Flakhelfer eingezogen worden und habe dann als Soldat gedient.

Quelle: ntv.de