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Freitag, 23. August 2002

Wirtschaftsprüfer in der Kritik: Hindernislauf zum seriösen Testat

Ein Job als Unternehmensberater oder Wirtschaftsprüfer - das klingt nicht nur nach steiler Karriere, viel unterwegs sein und viel Geld verdienen. Es klingt auch nach einem sehr seriösen Job. Unzählige Universitäts-absolventen sehen in der Arbeit bei einer der großen Beratungs- und Prüfungsgesellschaften ihren Traumberuf.

Die jüngsten Skandale haben den Nimbus der Wirtschaftsprüfer allerdings schwer beschädigt. Wie sich zeigt, ist der Job eine schwierige Gratwanderung zwischen den eigenen Interessen und denen der Kunden. Und wer meinte, die Prüfer hätten immer den "Durchblick" bei ihren Klienten, hat sich schwer getäuscht.

Erfundene Geschäfte und frisierte Bilanzen

Die Prüfungsgesellschaft KPMG hatte bis Ende Januar nichts an den Büchern des Münchner Telematik-Anbieter ComRoad zu beanstanden. Inzwischen sitzt der ehemalige Chef Bodo Schnabel in Untersuchungshaft. Offenbar schaffte er es immer wieder, den Prüfern Schein-Geschäftsbeziehungen vorzugaukeln.

Eine Sonderprüfung der Gesellschaft Rödl & Partner ergab, dass gut 98 Prozent des Umsatzes schlicht erfunden waren. Die KPMG-Prüfer waren dem asiatischen Phantasie-Partner auf die Spur gekommen. Aber als sie ihn näher untersuchen wollten, hielt ComRoad die Gesellschaft mit Ausflüchten hin, bis KPMG ihr Mandat abgab.

Im Fall des zusammengebrochenen US-Energiekonzerns Enron taten sich noch ganz andere Abgründe auf: Ein Andersen-Wirtschaftsprüfer wirkte beim Frisieren von Bilanzen mit und entsorgte anschließend sogar die belastenden Unterlagen. Ob das Testat eines Wirtschaftsprüfers jederzeit als uneingeschränkte Garantie für eine seriöse Unternehmensführung gelten kann, ist spätestens seit diesem Desaster äußerst fraglich.

Skandale mit Folgen

Der Enron-Betrugsfall hat hohe Wellen geschlagen und Kritik einmal mehr auf den Plan gerufen. Wenn es um die Seriosität von Unternehmensberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften geht, wird immer wieder die Forderung nach einer scharfen Trennung der Prüfungs- und Beratungssparten laut. Seit langem prangern Experten die ungünstige Interessenverknüpfung durch die Abwicklung beider Leistungen seitens derselben Gesellschaft an.

Die Kritik: Wer ein Unternehmen für teures Geld berät, hat ein natürliches Interesse daran, dass erstens der Klient nicht von der Bildfläche verschwindet, und dass er zweitens nicht vergrätzt wird - damit man sich auch den nächsten Auftrag an Land ziehen kann. Insofern dürfte bei den Prüfungen der Bücher schon das eine oder andere Mal nicht ganz so genau hingeschaut oder schlimmstenfalls beim Vertuschen geholfen werden. Aber auch, wer nur prüft und nicht berät, kann natürlich der Versuchung erliegen, den Klienten bei Unregelmäßigkeiten zu decken.

Die amerikanische Börsenaufsichtsbehörde Securities and Exchange-Commission (SEC) machte jedenfalls bereits vor Jahren Druck und forderte die Trennung des Beratungsgeschäfts von anderen Sparten, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Die Gesellschaften Ernst & Young und PricewaterhouseCoopers (PwC) haben diesen Schritt schon vollzogen. Die PwC-Unternehmensberatungssparte soll sogar noch in diesem Jahr an die Börse gebracht werden.

Trennung von Prüfungs- und Beratungssparte gefordert

Auch KPMG hatte die Trennung des Beratungs- und Prüfungsgeschäftes bereits vor knapp zwei Jahren angekündigt. Keine leichte Entscheidung - denn mit der Abtrennung der Beratungssparte würde ein Viertel des Jahresumsatzes wegfallen, schätzte man. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg: Inzwischen hat es die amerikanische KPMG-Consultingsparte an die Börse geschafft.

Hierzulande trug die neu entstandene KPMG Consulting AG im vergangenen Jahr mehr als ein Drittel zum Gesamtumsatz von KPMG Deutschland bei. Außerdem habe sie mit ihrer veränderten Gesellschafterstruktur und Rechtsform den Prozess der Verselbstständigung vorangetrieben, heißt es in einer Pressemitteilung. Die vollständige Trennung von KPMG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und KPMG Consulting AG soll laut KPMG-Deutschlandchef Harald Wiedmann noch im ersten Halbjahr 2002 zum Abschluss gebracht werden. Man suche jetzt einen Käufer. Seit längerem kursieren Gerüchte, dass das Consulting-Geschäft an die börsennotierte Schwester in den USA verkauft werden soll.

Böser Spott: KPMG = Keiner Prüft Mehr Genau

KPMG geriet vor einigen Jahren durch Fälle wie FlowTex oder Holzmann in die Negativ-Schlagzeilen. Böse Zungen spotteten damals, die Abkürzung "KPMG" stehe wohl für "Keiner prüft mehr genau". Wütende Aktionäre beschuldigten KPMG, nicht rechtzeitig auf die wirtschaftliche Schieflage von Holzmann aufmerksam gemacht zu haben. Das Unternehmen hatte die Bücher der Baufirma seit 1925 durchgesehen - also bereits über einen sehr langen Zeitraum.

Dies ist neben der Interessenverquickung ein zweiter Kritikpunkt von Experten: Wenn ein Unternehmen über lange Zeit dieselben Prüfer beschäftigt, kann es aufgrund anzunehmender persönlicher Beziehungen Probleme mit der Objektivität geben. Die Konkurrentin Ernst & Young prüfte den KPMG-Bericht 1999 gegen und kam zu leicht abweichenden Ergebnissen.

Ruf nach Sonderprüfungen

Ein dritter Ansatzpunkt für Kritik ist zudem die Frage nach einer schärferen Aufsicht und Kontrolle für die Prüfer. Mit der Wirtschaftsprüferkammer (WPK) gibt es in Deutschland zwar eine Aufsichtsbehörde, die den Berufsstand überwacht. Doch die Crux: Weder die WPK noch das Wertpapieraufsichtsamt können bei Verdacht auf Falschbilanzierung eine Prüfung anordnen, wie dies etwa das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen bei Banken darf. Bei Unternehmen sollen daher nach Meinung von KPMG-Deutschlandchef Wiedmann künftig ebenfalls Sonderprüfungen möglich sein.

Außerdem sollten Bilanzprüfer Betrugsfälle ihrer Mandaten melden dürfen. Aufgrund der Verschwiegenheitspflicht können sie das bisher nur bei der Geldwäsche. Hier findet sich ein vierter Kritikpunkt: Die Abgabe des Mandates wie im ComRoad-Fall ist laut Wiedmann derzeit die einzige Möglichkeit, auf unseriöse Mandanten aufmerksam zu machen.

Doch um einen Betrug melden zu können, müssen die Prüfer ihn ja erstmal entdeckt haben - und das dürfte nach wie vor schwierig sein. Beim Umsatzerfinder ComRoad fiel KPMG jedenfalls lange nichts auf. Und Wiedmann leistete auf der KPMG-Bilanzpressekonferenz am Donnerstag in Frankfurt beinahe eine Art Offenbarungseid: "Einem Betrüger - und ich sage das offen - dem werden wir auch in Zukunft aufsitzen. Wir haben bei einem Betrug im Normalfall keine Chance. "

Quelle: n-tv.de