Archiv

Vergessen wäre wunderbar Horrorreise ins Stasiland

15 Jahre nach dem Mauerfall ist es nicht mehr so einfach, sich in die DDR zurückzuversetzen. Der milde Schleier des Vergessens legt sich über die Erinnerung und lässt eher die Formen der Brauseflaschen hindurch oder den Geschmack des Frühstücksbrötchens.

Irgendwie haben Stasi, Mauer und Selbstschussanlagen an Schrecken verloren, wenn sie denn in dieser Art Disneyland überhaupt vorkommen, zu dem DDR langsam in der Vorstellung mutiert. Mitten hinein in diesen Vergessens- und Verdrängungsprozess platzt die Australierin Anna Funder mit ihrem Buch "Stasiland".

Funder war 1987 erstmals in Berlin und erlebt die letzten Zuckungen der DDR. Von diesem Besuch hat sie ein Interesse für das Land zurückbehalten, das sich demokratisch nannte und es so wenig war. 1995 kehrt sie nach Ostberlin zurück, neugierig auf das Phänomen Stasi und auf Menschen, die ihr ihre Stasi-Geschichte erzählen.

Was wieder mal ein Stasi-Buch hätte werden können, ist dank Funder eine gruselige und beklemmende Zeitreise in ein System geworden, dass immer weniger zu verstehen ist. Funder nähert sich jedem Gebäude und jedem Menschen mit großer Neugier und trotzdem mit einer moralischen Vorstellung von der Welt. Ihre Sympathie für Menschen, die auf die unterschiedlichste Weise den Einflüsterungen des Geheimdienstes und den zur Wahrheit erklärten Lügen widerstanden haben, ist überall zu spüren.

Sie streift durch leere Stasi-Zentralen und Museen, trifft Vernehmer und Spitzel, und beschreibt all das in einer sehr persönlichen und lebendigen Sprache. Man meint, den Geruch der alten Männer in der Normannenstraße zu riechen und die Risse im allgegenwärtigen Linoleum zu spüren. Funder lässt sich dabei auch selbst tief in die Seele blicken, die Schilderung von Erpressung und Vernehmung von Spitzelberichten und vertuschten Morden geht auch der Zuhörerin aus dem fernen Land an die Substanz.

Vielleicht musste tatsächlich jemand aus Australien kommen, um auch nach Jahren noch die Ungeheuerlichkeit der DDR-Mechanismen empörend zu finden. In Zeiten von Ostalgieshows und "Es war nicht alles schlecht" zeigt Funder, was die DDR an ihren Bürgern angerichtet hat. Ein schmerzhaft gutes Buch, das als Roman gelten könnte, wenn es nicht die furchtbare Realität gewesen wäre.

Solveig Bach

Anna Funder, "Stasiland", Europäische Verlagsanstalt 2004, 350 Seiten, 24,90 Euro

Quelle: ntv.de