Archiv

Angstmacher Globalisierung Jobs wandern aus

Auch in den USA geht die Angst vor der Abwanderung hochkarätiger Arbeitsplätze in Billiglohnländer um. Während die Patriotismus-Debatte in Deutschland gerade mal startet, ist sie in den USA bereits in vollem Gange – und damit Konsequenzen. Wegen des schwachen Arbeitsmarktes schlachten die Demokraten das Thema im Wahlkampf so richtig aus.

Der US-Senat hat bereits ein Gesetz verabschiedet, dass die Vergabe von IT-Aufträgen ins Ausland erschwert. Mehr als ein Dutzend US-Bundesstaaten erwägen ähnliche Initiativen. John Kerry, Herausforderer des amtierenden US-Präsidenten George Bush, hat bereits Ende 2003 ein Offshore-Gesetz eingebracht. Kerry will auch Freihandelsabkommen wie das mit Mexiko und Kanada (Nafta) neu verhandeln.

Die Diskussion über das Für uns Wider wird aber auch in Ökonomenkreisen immer hitziger. Keiner hat ein Patent parat, wie die abwandernden Arbeitsplätze ersetzt werden können. Software-Ingenieur Dean McCoy (53) lebt wieder bei seiner Mutter. Vor zwei Jahren verlor der Kalifornier seinen Job. Die Ersparnisse sind weg, das Haus auch. "Ein Arbeitsplatz, das ist meine größte Sorge", sagt er. Ortwechsel: Jerry Rao lebt in Bangladore, Indien.

Sein Geschäft blüht. Er macht Steuererklärungen für amerikanische Steuerberater. "Wir beschäftigen Tausende", berichtet er US-Reportern begeistert, die sich auf die Suche nach den verloren gegangenen Jobs gemacht haben.

Nach Industrieschätzungen sind bereits 400.000 bis 500.000 Jobs aus der Informationstechnologie abgewandert. Das ist zwar nur ein Bruchteil der insgesamt 130 Mio. Arbeitsplätze. Das Trend beschleunigt sich allerdings. Das angesehene Forrester-Institut rechnet damit, dass in den nächsten zehn Jahren allein aus Bereichen wie Kundenservice, Buchhaltung, Personalverwaltung 3,3 Mio. Arbeitsplätze aus den USA in Billiglohnländer ausgelagert werden.

Arbeitnehmer wettern zunehmend gegen Globalisierung und Freihandel. Besonderen Unmut erregt, dass auch Steuergelder im Ausland landen. Paradoxerweise werden zum Beispiel in Pennsylvania und New Jersey Service-Hotlines für Sozialschwache, die Nahrungsmittelkarten erhalten, aus Indien und Mexiko beantwortet. wenn die Jobs in den USA geblieben wären, gäbe es weniger Bedürftige, sagen Kritiker empört.

Ein respektierter Ökonom warnt inzwischen vor den heimischen Folgen der Globalisierung. "Die USA werden in 20 Jahren ein Drittweltland sein", mahnt Paul Roberts, unter Ronald Reagan Abteilungsleiter im US-Finanzministerium in der "Washington Post".

Das Argument, Unternehmen sparten ausschließlich durch Job-Auslagerung und damit würden Produkte billiger und Anreize für Konsum und Investitionen geschaffen, zieht für Roberts nicht. Ohne Jobs kein Einkommen, sagt Roberts. "Der Einkommensverlust wiegt schwerer als niedrige Preise". Josh Bivens, Volkswirt vom liberalen Economic Policy Institute in Washington, verlangt eine bessere Fürsorge durch den Staat. "Regierungen müssen sicherstellen, dass der Lebensstandard der zurückgebliebenen Arbeiter nicht auf dem Altar der Globalisierung geopfert wird", sagt er.

Was für neue Jobs eine Volkswirtschaft für die neuen Arbeitslosen schaffen kann, wissen auch Roberts' Kritiker nicht. Sie vertrauen aber auf den Innovationsgeist der amerikanischen Gesellschaft. "Wir sind flexibel und offen, technologie-freundlich und risikofreudig", meint der Direktor der Investmentbank Morgan Stanley, Stephen Roach. "Wir sollten und mehr darauf konzentrieren, neue Quellen für Arbeitsplatzbeschaffung aufzutun als über die Verluste zu klagen."

Präsident George W. Bush gibt sich auch als Optimist: "Mit der Jobabwanderung wird man fertig, indem man für ein besseres Geschäftsklima in den USA sorgt", sagt er, und fordert den Kongress auf, die zeitliche Begrenzung für seine massiven Steuersenkungen aufzuheben.

"Ich habe eine Revolution verpasst. Weltweit hat die dritte Phase der Globalisierung begonnen", schreibt der Kommentator der "New York Times", Thomas Friedman. Er fragt sich, ob in einigen Jahrzehnten wohl dies oder die Terroranschläge vom 11. September 2001 als wichtigstes Ereignis dieser Zeit in den Geschichtsbüchern stehen wird.

Quelle: ntv.de