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Antonio Gaudi zum 150. Katalanen entdecken ein Genie

Was als eine Art von Werbegag gedacht war, hat fast eine Massenbewegung ausgelöst. Der 150. Geburtstag des bedeutenden katalanischen Baumeisters Antonio Gaudi am 25. Juni 2002 brachte die Behörden in dessen Heimatstadt Barcelona auf die Idee, mit dem Jahrestag Touristen anzulocken. Sie organisierten ein Internationales Gaudi-Jahr und entfachten damit in Katalonien im Nordosten Spaniens eine wahre "Gaudi-Manie".

Der Ansturm der Besucher reißt nicht ab und stellt die kühnsten Erwartungen in den Schatten. Das bedeutendste Bauwerk des Architekten, die noch nicht vollendete Kirche Sagrada Familia, wurde mittlerweile zur meistbesuchten Sehenswürdigkeit in Barcelona, noch vor dem großen Meeresaquarium oder dem Picasso-Museum. Vor den Gebäuden Gaudis bilden sich lange Warteschlangen von Besuchern. Ein "Gaudi-Bus" fährt die wichtigsten Werke in Barcelona ab, die Souvenirläden sind voller Gaudi-Kitsch.

Der lange Zeit verkannte Baumeister wird nun als ein Universalgenie und Volksheiliger verehrt. Zu seinen Werken strömen keineswegs nur ausländische Touristen, auch die Katalanen selbst scheinen jetzt den Architekten zu entdecken, von dem sie lange Zeit kaum etwas wissen wollten.

Erster "Öko-Architekt"

Das Gebäude Casa Mila, heute eines der Schmuckstücke Barcelonas, löste zu Lebzeiten Gaudis einen Skandal aus. Mit seiner sanft geschwungenen Fassade wollte es nicht zur Welt der quadratisch angelegten Neustadt passen. Die Bewohner verspotteten das Gebäude als "Zeppelin-Garage" oder "Dinosaurier-Höhle" und verpassten ihm den Spitznamen "La Pedrera" (Steinhaufen). Andere Werke des Architekten wären beinahe von übereifrigen Beamten abgerissen worden, weil sie nicht ganz zu den Bauvorschriften passen wollten.

Gaudi war der wichtigste Vertreter des "Modernismo". Diese Stilrichtung bildete in der Kunst und Architektur Kataloniens das Pendant zum deutschen Jugendstil oder zur französischen Kunstrichtung Art Nouveau. Die Bauwerke zeichnen sich durch eine unverwechselbare Linienführung aus. Sie weisen wenig Ecken und Kanten auf, dafür runde und fließende Formen. Die Linien scheinen der Welt schlingernder Pflanzen entnommen zu sein. Diese Anlehnung an die Natur brachte Gaudi die Bezeichnung "erster Öko-Architekt" ein.

Rätselhafter Anarchist

Mit seinem Hang zu Experimenten und grellen Farben war der 1852 in Reus bei Tarragona geborene Gaudi ein Anarchist der Baukunst. Sein monumentaler Kirchenbau der Sagrada Familia ist zwar noch immer unvollendet, wurde aber längst zu einem Wahrzeichen Barcelonas. Gaudi nannte das Gotteshaus, an dem seit genau 120 Jahren gebaut wird, die "Kirche der Armen", denn das Bauwerk wird mit Almosen und Stiftungen finanziert. Niemand kann sagen, wann das Bauwerk fertig sein wird. Weitere wichtige Gebäude ist der Güell-Palast, den Gaudi für seinen Mäzen, den Grafen Eusebi Güell, schuf.

Als Mensch blieb Gaudi stets ein Rätsel. Je mehr Biografien über ihn herausgegeben werden, desto weniger scheint man aus dem Eigenbrötler schlau zu werden. Der Architekt verabscheute Frauen und brüskierte die Mitmenschen mit seiner oft ruppigen Art. Je älter er wurde, desto mehr zog er sich in Einsamkeit und Askese zurück. Zuletzt lebte er nur noch für den Bau der Sagrada Familia und wohnte auch auf der Baustelle. Er verließ den Kirchenbau nur, um zum Gottesdienst zu gehen.

Dabei wurde er eines Tages, am 7. Juni 1926, von einer Straßenbahn angefahren. Niemand machte Anstalten, dem Verletzten zu helfen. Die Passanten hielten ihn für einen Clochard, denn Gaudi trug zerschlissene Kleidung. Aus diesem Grund wurde er auch in ein Armenkrankenhaus gebracht, wo der 73-Jährige drei Tage später unerkannt verstarb. Sein Grab befindet sich in der Krypta der Sagrada Familia.

Quelle: n-tv.de, Hubert Kahl, dpa