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Letzte Ausfahrt Börse Kirch verschiebt Fusion

Die Kirch-Gruppe hat sich auf eine Verschiebung der Fusion von Kirch Media und Pro7Sat.1Media festgelegt. Vor kurzem hatte der Konzern bereits den Börsengang der durch die Fusion entstehenden Gesellschaft verschoben. Dennoch wolle man an dem Zusammenschluss festhalten, der "für beide die strategisch sinnvollste Lösung" darstelle, erklärte die börsennotierte Pro7Sat.1Media in einer Pflichtmitteilung. Zudem erklärte das Unternehmen, Vorstand und Aufsichtsrat wollten der Hauptversammlung im Mai vorschlagen, die Vorzugs- in Stammaktien umzuwandeln.

"Die Kirch Gruppe führt derzeit eine Reihe von Maßnahmen durch, um die Finanzbasis der Gruppe zu verbessern, die vor der endgültigen Zustimmung zur Fusion abgeschlossen sein sollen", heißt es weiter. Dabei kommt der Umwandlung der Vorzüge in Stämme eine herausragende Bedeutung zu. Sie könnte Teil eines Szenarios sein, in dessen Rahmen einem außenstehenden Investor größerer Einfluss innerhalb der Senderfamilie eingeräumt würde. Der Axel Springer Verlag hat eine Option ausgeübt, in deren Rahmen er eine 11,5 Prozent-Beteiligung an Pro7Sat.1Media an Kirch zurück geben kann. Dafür verlangt Springer den Kaufpreis von 767 Mio. Euro zurück. Kirch wird diesen Anteil - oder eine diesem Anteil entsprechende Beteiligung an einer fusionierten Gesellschaft - entweder an der Börse platzieren oder einem Einzelinvestor abtreten müssen.

Denn das Ausmaß der Finanzkrise bei der Kirch-Gruppe wird immer deutlicher. Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen (BAKred), das seit einigen Monaten mit der Prüfung der Besicherung der Kirch-Bankkredite befasst ist, kommt allein bei diesen Verbindlichkeiten auf eine Summe von rund sieben Mrd. Euro. Der Konzern selbst hatte hier im Dezember des vergangenen Jahres noch eine Summe zwischen 5,5 und sechs Mrd. Euro genannt.

Die weitergehenden Verpflichtungen Kirchs werden in der Branche auf noch einmal mindestens drei bis vier Mrd. Euro geschätzt. Diese "Eventualverbindlichkeiten" ergeben sich in erster Linie aus Ausstiegsoptionen, die Großaktionäre geltend machen können. Wie ein ausgewiesener Medienexperte, der seit Mitte der 80er Jahre mit den Entwicklungen bei der Kirch-Gruppe vertraut ist, gegenüber n-tv erklärte, kommt Kirch selbst laufenden Zahlungsverpflichtungen nicht nach.

Die Frage ist inzwischen offenbar nicht mehr ob, sondern wann und wie die hoch verschuldete und verschachtelte Kirch Gruppe aufgespalten wird. Eine Studie der WestLB vertritt beispielsweise die Einschätzung, dass die Kirch PayTV-Sparte (Premiere) den Betrieb für nur noch sieben Monate aufrecht erhalten kann. Die Um- und Neuverschuldungspläne der Banken könnten den finanziellen Kollaps bestenfalls aufschieben, nicht jedoch verhindern. Eine endgültige Lösung könne da nur heißen: Schließung, Besitzerwechsel und/oder die Verhandlung von PayTV-Filmrechten. Die Programmbetriebs-Kosten verschlängen 1,5 Mio. Euro täglich, heißt es weiter.

Die Kostensituation des Verlustbringers Premiere vergleichen die Analysten mit der der British Sky Broadcasting (BSkyB), die mehrheitlich Kirchs schärfstem Konkurrenten Rupert Murdoch gehört. Im Geschäftsjahr 2000 hätten die Programmbetriebskosten pro Premiere-Abonnent bei 308 Euro gelegen, so die WestLB. Parallel dazu hätte BSkyB pro Kunde nur 182 Euro aufwenden müssen. Bei dieser Kostenstruktur könne Premiere den Break-Even niemals erreichen, glauben die Experten.

Im vergangenen Geschäftsjahr konnte Premiere lediglich rund 100.000 neue Kunden auf jetzt 2,41 Millionen hinzugewinnen. Bis Oktober müsste noch einmal über eine Million neue Abonnenten her - sonst kann Rupert Murdoch eine Ausstiegsoption geltend machen, was Kirch rund 1,7 Mrd. Euro kosten würde. Ausreichend neue Kunden sind in dieser Zeit nicht zu akquirieren. Woher das Geld kommen soll, ist ebenfalls unklar. Allzumal bis dahin weitere Kredite fällig werden. Die von der HypoVereinsbank gebotenen 1,1 Mrd. Euro für das 40-Prozent-Paket Kirchs am Axel Springer Verlag reichen zur Kompensation nicht aus. Auch die Summe, die Kirch für seine 76 Prozent an der Formel1-Holding SLEC erzielen könnte, bringen ihn nicht wieder auf die Beine.

Ohne die Börsenplatzierung der Kirch Media ist ein Ausweg kaum möglich. Unabdingbare Voraussetzung für diese Maßnahme ist eine Bewertung des Vermögens der jetzigen Kirch Media. Dies gestaltet sich aber wegen der ungewissen Zukunft von Premiere als unmöglich. In der Kirch Media sind auch Filmrechte für das Bezahlfernsehen gebündelt. Diese stehen vor Neuverhandlung mit den Hollywood-Studios, ob durch Kirch oder einen neuen Premiere-Eigentümer.

Selbst wenn sich die Banken zu einer Verlängerung der Kreditlinien entschließen sollten - neue Kredite würden sie Kirch mangels Sicherheiten nicht einräumen können. Angesichts des öffentlichen Drucks wird sich gerade in Wahlkampfzeiten auch die Bayern LB zurückhalten müssen, obwohl - oder gerade weil der Verwaltungsrat des Instituts CSU-dominiert ist.

Quelle: n-tv.de