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Hartes Jahr droht Krisenvirus greift um sich

Noch keinen Monat lag der viel beachtete Weltwirtschaftsausblick des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor, da war er Anfang November schon Makulatur. Angesichts von schockgefrorenen Kreditmärkten und erdumspannendem Vertrauensschwund in Finanzsystem und Konjunktur blieb den Washingtoner Experten nichts anderes, als alle Prognosen über den Haufen zu werfen - und mit einer Hiobsbotschaft aufzuwarten: 2009 werden die Volkswirtschaften der Industrienationen zusammengenommen zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg schrumpfen. Global rutscht das Wachstum indes auf knapp über zwei Prozent ab - was nach einer traditionellen Regel des IWF nicht anderes heißt als: Weltrezession. Erst 2010 ist dem Fonds zufolge mit Besserung zu rechnen.

Nicht mehr am Abgrund

In einem gigantischen Dominoeffekt richtete das Platzen der riesigen US-Immobilienblase über die international verflochtenen Finanzmärkte in der globalen Wirtschaft massiven Flurschaden an. Niemand scheint immun - und wohl erst 2009 wird das ganze Ausmaß deutlich. Völlig verschiedenen Ländern wie Island, Ungarn, Pakistan und der Ukraine musste der IWF schon mit Notkrediten beispringen. Die 15 Euro-Staaten kippten im dritten Quartal in die Rezession. Einst so kraftstrotzende Schwellenländer wie China, Brasilien oder Indien müssen sich von ihren traumhaften Wachstumsraten verabschieden.

"Die gute Nachricht ist, wenn es überhaupt eine gibt, dass wir wahrscheinlich nicht mehr am Abgrund einer Finanzkatastrophe stehen", meint IWF-Chefökonom Olivier Blanchard. Noch im Oktober habe eine "Implosion" des Finanzsystems unmittelbar bevorgestanden. Regierungen pumpten gewaltige Liquidität in ausgetrocknete Märkte, verabreichten taumelnden Finanzinstitutionen Kapitalspritzen, boten Garantien und stellten Milliarden-Programme auf die Beine, um notleidende Vermögenswerte aufzukaufen. Doch ein durchschlagender Erfolg stand am Ende des wirtschaftlichen Horror-Jahres 2008 noch aus. "Die Botschaft der Finanzmärkte ist soweit, dass es zwar Fortschritte gibt, es aber noch viel zu früh ist, den Sieg zu erklären", befindet Blanchard.

Tiefe Rezession droht

Die schlechte Nachricht: der schmerzvolle Dämpfer für die Realwirtschaft. Die Angst vor einer langwierigen und tiefen Rezession, vor Arbeitslosigkeit und vor einem Verlust der Ersparnisse würgt die Kauflaune ab. Nicht nur brachen in den USA und anderswo die Immobilienpreise ein. An den weltweiten Börsen lösten sich dem britischen Magazin "Economist" zufolge schätzungsweise 30 Billionen Dollar (23 Billionen Euro) in Luft auf. Wenn es einen Lichtblick gibt, dann der mittlerweile dramatisch gefallene Ölpreis.

Regierungen stecken im Zwei-Fronten-Krieg: Sie müssen das Finanzsystem stabilisieren und zugleich die Konjunktur-Talfahrt zumindest mildern. In schwindelerregendem Tempo fuhren Notenbanken Leitzinsen zurück, milliardenschwere Konjunkturprogramme werden aufgelegt. Nach IWF-Schätzung sind global mindestens zwei Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung nötig, damit die staatliche Stimulanz Wirkung zeitigt - das wären mehr als eine Billion Dollar. "Selbst wenn es gut gemacht ist, kann sie (die Hilfe) nicht schnell genug kommen, um massiven Schaden abzuwenden", meint der frischgebackene Wirtschaftsnobelpreisträger und Princeton-Professor Paul Krugman. "Ich bin sehr besorgt, wie das nächste Jahr aussehen wird."

Schwer gebeutelt sind auch die ärmsten der Armen, obwohl sie mit den Ursachen der Krise nichts zu tun haben. Entwicklungsländer leiden unter sinkenden Exporten und versiegenden Kapitalströmen. "Den ärmsten und verwundbarsten Gruppen droht der schwerste - und in manchen Fällen dauerhafte - Schaden", warnte unlängst Weltbank- Präsident Robert Zoellick. Auch in Krisenzeiten dürften die reichen Länder nicht von ihrer versprochenen Hilfe abrücken, mahnte er.

Hoffen auf den Verbraucher

Immerhin: Die globale Krise verhalf den aufstrebenden Wirtschaftsmächten zu einem Platz am Tisch der etablierten Industrienationen. Auf dem G20-Gipfel Mitte November in Washington legten sie gemeinsam den Grundstein für eine umfassende Finanzreform. "Der Erfolg des Treffens hat die Mechanik der internationalen Wirtschaftskooperation dauerhaft verändert", befand der "Economist". Anfang April soll das Folgetreffen dann in London stattfinden.

Geht es nach den Auguren des Internationalen Währungsfonds könnte das Wachstum der Industrienationen erst 2010 wieder in den grünen Bereich drehen. "Wie sicher wir uns mit dieser Vorhersage sind? Nicht sehr", räumt IWF-Chefökonom Blanchard ein. Möglich, dass die allgegenwärtige Verunsicherung unter den Verbrauchern schneller als gedacht weicht und wieder geweckte Kauflaune die Konjunktur anschiebt. Andererseits, warnt er, könnte die Wirtschaftsschwäche die Bilanzen der Banken in Mitleidenschaft ziehen - was dann wiederum Kredite weiter spärlich fließen ließe und die Konjunktur noch weiter in den Abgrund ziehen würde.

Quelle: n-tv.de