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Die digitale Fernsehwelt Liberty stärkt Position im Kabelgeschäft

von Manuel Vaid und Steffen Toepke

Die deutsche Fernsehlandschaft wird möglicherweise schon sehr bald nicht mehr in der jetzigen Form existieren. Mit der Übernahme eines Großteils des „Letzte Meile“ - Betreibers Tele Columbus hat der Medienkonzern Liberty Media seine führende Position im deutschen Kabel-Fernsehgeschäft nahezu unangreifbar gefestigt. Und den Wandel zu einer multimedialen, zumindest aber zu einer mündigeren TV-Gesellschaft vorangetrieben. Auch die jüngsten Gespräche zwischen Liberty-Chef John Malone und Europas größtem TV-Inhalte-Anbieter Leo Kirch seien "konstruktiv" verlaufen, hieß es in Berlin. Jetzt kann nur noch das Kartellamt die Pläne von Liberty Media durchkreuzen. Oder der Zuschauer.

Die Bedeutung von Tele Columbus

Die Netzwerkanteile von Tele Columbus bilden dort, wo die Kabelnetze nur bis zur Grundstücksgrenze reichen, das fehlende Glied zum Kundenanschluss. Immerhin betrifft dies 1,4 Mio. Haushalte, die Liberty nun zusätzlich direkt erreicht. Abgetreten wurde die Mehrheit der Telecolumbus-Verbindungen von der DB Investor der Deutschen Bank, die im Gegenzug einen 12-Prozent-Anteil an der deutschen Sektion von Liberty erhält.

Im September hatte Liberty Media für rund fünf Mrd. Dollar sechs der neun regionalen Kabelnetze der Deutschen Telekom gekauft. Liberty-Konkurrent Callahan hatte den Zuschlag für das Kabelnetz in Nordrhein-Westfalen erhalten, das als eines der größten der Welt gilt. Hessen war an den britischen Investor Gary Klesch gegangen, der als Netzbetreiber im Auftrag Libertys auftreten will. Baden-Württemberg gehört noch der DB Investor und der Deutschen Telekom, wird voraussichtlich aber von Callahan kontrolliert werden.

Medientycoon vs. Wettbewerbshüter

Liberty-Eigentümer John Charles Custer Malone ist einer der reichsten und über seine zahlreichen Medienbeteiligungen auch einer der mächtigsten Männer der Welt. Er gilt als knallharter Verhandlungspartner, der seinem Gegenüber oft um drei Züge voraus ist. Geld interessiert den hemdsärmeligen Unternehmer, der für den Verkauf seines Kabelimperiums TCI an AT&T fast 90 Milliarden Mark kassierte, nach eigenen Angaben nicht mehr. Nach seiner Motivation befragt, antwortet er regelmäßig: "It's fun ". Spaß haben seine Geschäftspartner in der Vergangenheit sicher nicht immer gehabt. Um seine Forderungen durchzusetzen, schreckte er einst vor der kompletten Abschaltung des städtischen Kabelnetzes in Vail (Colorado) nicht zurück. Als MTV 1984 ankündigte, die Gebühren erhöhen zu wollen, drohte Malone, MTV aus seinen Netzen rauszuschmeißen und mit seinen damals acht Millionen Kunden zu Ted Turner zu wechseln, der zu diesem Zeitpunkt einen Konkurrenz-Musikkanal aufbauen wollte. Das Sportnetzwerk ESPN (Capital Cities/ABC) hinderte Malone mit dieser Strategie ebenfalls an der Durchsetzung höherer Preise.

1987 schnürte Malone ein Paket zur Rettung von Ted Turner's CNN, das durch eine zu aggressive Expansionsstrategie unter enormen finanziellen Druck geraten war. Wenn auch nicht ganz uneigennützig; die Kontrolle über sein Cable News Network wurde Turner dadurch entzogen.

Auch bei dem deutschen Deal hält hat sich Malone alle Optionen offen gehalten. Von der Telekom ließ er sich vertraglich zusichern, dass der Kauf der Netze nur wirksam wird, wenn öffentliche Instanzen wie Bundeskartellamt und Landesmedienanstalten keine restriktiven Bedingungen an das Geschäft knüpfen. Wissend, dass die Telekom den Erlös aus dem Kabelverkauf dringend braucht um Schulden zu bedienen. Und dass der Bund zugleich Mehrheitsaktionär bei der Telekom und oberster Dienstherr der Kartellwächter ist. Selbst wenn die Bonner Behörde das Geschäft untersagen würde, könnte der Bundeswirtschaftsminister sein Veto einlegen. Angesichts des Kursverlaufs der T-Aktie wäre dies nicht unwahrscheinlich. Geld wird erst fließen, wenn das Eigentum an den Netzen offiziell genehmigt an Liberty Media übergegangen ist. Die Prüffrist des Kartellamtes läuft im Januar aus. Einwände hätten die Kartellwächter ohnehin weniger aufgrund der starken wirtschaftlichen Stellung der Liberty Media. Hier würde ein Monopolist durch den anderen abgelöst, heißt es. Die Befürchtungen richten sich auf die Konzentration der "Meinungsmacht ".

Nie dagewesene Machtkonzentration

Diese ist in der Tat beträchtlich. Eine der rund hundert Beteiligungen Malones ist das 18-Prozent-Paket an der News Corporation seines Freundes Rupert Murdoch. An der weltweiten Nummer eins in der Branche, AOL Time Warner, ist Malone ebenfalls beteiligt. Das bereitet sowohl großen als auch kleinen Fernsehstationen in Deutschland Kopfschmerzen. Die kleineren fürchten, dass eine Erhöhung der Gebühren, die sie für die Kabeleinspeisung zahlen müssen, das Aus bedeuten könnte. Die Großen, auf deren Kabelpräsenz Malone schon aus eigenem Vermarktungsinteresse nicht verzichten wollen würde, rechnen zumindest mit der Zuweisung unattraktiverer Kanäle. Liberty könnte die besten Plätze für eigene Inhalte frei machen, so ihre Sorge.

Die Programminhalte, die Malone über seine internationalen Verbindungen auch in Deutschland anbieten könnte, sind jedoch begrenzt. Hier ist das Unternehmen auf Kooperationen im deutschsprachigen Raum angewiesen. Durch den Erwerb eines Teils der 22 Prozent, die Murdoch über BSkyB (British Sky Broadcasting) am defizitären Premiere World hält, könnte Malone seine Verhandlungsposition gegenüber Leo Kirch stärken, auf dessen Spielfilm- und Sportübertragungsrechte er angewiesen ist. Ein Argument, dass bei dem Gespräch über Kooperationsmöglichkeiten zwischen Malone und Kirch eine Rolle gespielt haben dürfte. Denn Kirch wird es ohne Liberty nicht gelingen, sein Bezahlfernsehen Premiere World profitabel zu machen; will Liberty Media doch auf die Einführung eines eigenen - in den USA verbreiteten - technischen Standards für die Set-Top-Boxen setzen.

Sowohl der Sachverhalt der "importierten" Programme als auch die Frage der technischen Infrastruktur beschäftigt die Landesmedienanstalten. Malone will sich nicht an die in Deutschland vereinbarte MHP (Multimedia Home Platform) halten. MHP erhöhe die Kosten für Empfangsgeräte um je 60 bis 80 Euro und behindere damit den schnellen Ausbau des breitbandigen Kabelnetzes, erklärt Malone. Nicht ohne Bedeutung dürfte wohl auch Malones Beteiligung an Motorola sein; der Konzern gehört zu den führenden Herstellern der Set-Top-Boxen, die für die Übertragung von Pay TV und digitalem Fernsehen benötigt werden.

Konkurrenz für Liberty am Horizont

Zumindest in diesem Punkt halten Beobachter ein Einlenken des Amerikaners aber für denkbar. Seine Bereitschaft, um jeden Preis gleichzeitig interaktives Fernsehen, Video-on-Demand, Highspeed-Internet sowie Telefonieren per Fernseh-Kabel zu etablieren, wird dagegen pessimistischer beurteilt. Immerhin müssen für die so genannte Rückkanal-Technik die veralteten Koaxial-Leitungen aus Kupfer aufwendig aufgerüstet oder durch Glasfaserleitungen ersetzt werden. Der Liberty-Konkurrent Calahan hat in Nordrhein-Westfalen bereits einige Tausend Haushalte mit den bandbreiteren Kabeln ausgerüstet, die dem Endkunden nicht nur das Empfangen, sondern auch das Senden von Signalen ermöglichen.

Liberty und Callahan werden das deutsche Kabel jedoch nicht allein unter sich aufteilen können. Das Stuttgarter Elektronikunternehmen Bosch hat entgegen den Erwartungen der Branche angekündigt, sich ebenfalls engagieren zu wollen. Die Gesellschaft strebt nach eigenen Angaben gar einen Marktanteil von 20 Prozent an. Unter den Betreibern von Hausverteileranlagen, der "letzten Meile" ist Bosch mit über einer Million Haushalten hinter Tele Columbus die Nummer zwei in Deutschland. Für die Errichtung von darüber hinausgehenden, vom Telekom-Netz unabhängigen Netzverbindungen, will Bosch eine Milliarde DM ausgeben.

Was erwartet den Zuschauer?

Malone hatte das angepeilte Investitionsvolumen inklusive Kaufpreis und Aufrüstung der Netze sowie der erforderlichen Set-Top-Boxen auf zehn bis zwölf Milliarden Dollar beziffert. Das Marktforschungsinstitut Prognos hatte die Erfolgsaussichten für das deutsche Breitband-Kabelnetz ehedem pessimistisch eingeschätzt. Pro gewonnenem Kunden müssten die Kabelgesellschaften einmalig etwa 1.600 DM für die technische Infrastruktur ausgeben. Die laufenden Kosten hatten die Experten auf etwa 400 DM im Jahr geschätzt.

Unabhängig davon, wer die größten Player im Kabelgeschäft sein werden und welche Dienste sie anbieten - billiger wird das Fernsehen der Zukunft nicht. Die Preise für das Kabelfernsehen gelten in Deutschland trotz der zusätzlich anfallenden öffentlich-rechtlichen Rundfunkgebühren im internationalen Vergleich noch immer als extrem niedrig. Gemessen werden muss dies an der Vielzahl der frei empfangbaren Programme, von denen nicht wenige - ebenfalls im internationalen Vergleich - als qualitativ hochwertig anzusehen sind. Wenn sich die Preise angleichen werden - was mit oder ohne Ausbau des Kabels auf den deutschen Zuschauer zukommen wird - wird sich der Trend zu Spartenprogrammen weiter verstärken. Welche sich durchsetzen werden, entscheidet letztlich der Kunde. Überleben werden die Unternehmen, die bei der Befriedigung der Zuschaueransprüche die höchste Qualität und vor allem die größte Flexibilität bieten.

Quelle: ntv.de