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Omerta bröckelt Mafia-Kinder auf der Couch

Ein Psychotherapeut, der die Ängste und Sorgen von Mafia-Mitgliedern teilt - früher wäre so etwas undenkbar gewesen. Jahrzehntelang waren Vertreter des organisierten Verbrechens auf Sizilien streng an die Omerta, an die Schweigepflicht, gebunden.

Doch in den letzten Jahren haben sich die Strukturen der sizilianischen Mafia-Familie geändert, wie Girolamo Lo Verso in der täglichen Praxis erfährt. Der 55-jährige Therapeut aus Palermo behandelt Frauen und Kinder von Mafia-Bossen.

Die Denkweise der einzelnen Familienmitglieder beschäftigt den Psychologie-Professor seit geraumer Zeit. Für Lo Verso ist der Mafia-Boss mit einem Fundamentalisten vergleichbar. Beide töten für eine höhere Sache, beide zeigen keinerlei Schuldgefühle. Die Familie beschützt sie mit ihrer Omerta.

Schwere Störungen

Seit einigen Jahren allerdings bröckelt diese Omerta und somit auch die Struktur der Familie. "Früher haben die Kinder die Wünsche der Eltern respektiert", sagt Lo Verso. "Es gab keine subjektiven Wünsche, jeder war ein Baustein innerhalb der Familie." Nun aber sind die Kinder nicht mehr durch die Familie geschützt. Der Vater ist tot oder sitzt im Gefängnis, die Jugendlichen werden mit Alltagsproblemen konfrontiert.

"Die meisten der Mädchen kommen mit Bulimie zu mir, die Jungs haben oft Probleme mit Drogen", sagt Lo Verso. "Die Kinder leben mit einem inneren Konflikt." Sowohl Symptome als auch Therapien seien die üblichen.

Omerta, Macht, Sex und Geld

"Potere e meglio che fottere!" Ein altes sizilianisches Sprichwort erklärt den Grundsatz des Mafia-Bosses: Macht ist wichtiger als Sex. "Und wichtiger als Geld", fügt Lo Verso hinzu. "Von den anderen respektiert zu werden und die Macht über Leben und Tod zu haben, ist dem Boss das wichtigste."

Gefühle bleiben dabei auf der Strecke. Wer Schwäche zeigt, ist unten durch. Die größte Stärke der Mafia ist die Familie. Durch die Omerta gebunden, sind die Familienmitglieder auf Gedeih und Verderb aneinander gekettet.

Visionär Falcone

"Giovanni Falcone hat dieses System als erster richtig durchschaut, er hat ihre Denkweise wie ein Psychologe analysiert", sagt Lo Verso. "Und deswegen konnte er sie auch richtig verletzen." Die beiden Freunde haben sich oft stundenlang über das Phänomen Mafia unterhalten.

"Auch wenn er 1992 ums Leben kam, seine Ideen und Methoden werden heute noch befolgt", erklärt Lo Verso. Oberstes Gebot sei die Isolierung des verhafteten Mafia-Mitglieds. "Früher waren die Gefängnisse nichts anderes als Hotels für die Bosse, nun aber werden sie von der Familie abgeschnitten, und das macht sie nervös, unsicher, und vor allem, verletzlich."

Die Familien der Mafia-Bosse werden tagtäglich mit der Realität konfrontiert. "Kinder sehen ihre Väter als Mörder im Fernsehen und werden von ihren Freunden darauf angesprochen", sagt Lo Verso. Das Wort Mafia wird in Sizilien nicht mehr geflüstert, die Omerta bröckelt mit jedem Tag mehr, und Lo Versos Praxis füllt sich.

Alexandra Barone, AP

Quelle: ntv.de