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Buchtipp der Woche Menschenabfälle an Mülltonnen

Einmal wöchentlich, immer am Freitag, gibt Literaturagentin Michaela Röll von der Agentur Eggers & Landwehr an dieser Stelle ihren "Buchtipp der Woche".

Iran am Vorabend der islamischen Revolution. Orangerot ist der Mond, der über dem Reich des persischen Schahs aufgeht. Zum letzten Mal. Der deutsche Innenarchitekt ist eben in Teheran angekommen, und er mag Rot besonders gerne. Rot ist auch die Bibliothek der Villa, in der er und sein langjähriger Lebensgefährte Christopher nachts eingeladen sind.

Nicht etwa blutrot, nein. Samtig rot, braun-violett. Aber die Angst vor dem Rot kommt schnell: sie kommt mit der Musik von Human League: The circus of death is approaching / Its pathway is painted in red. Und sie kriecht ihm ins Knochenmark, als ein brauner Blutfleck das Gesicht Christophers verklebt.

In einer Nacht sieht der naive Ästhet die degenerierten Exzesse der alten persischen Eliten und ihrer kosmopoliten Gäste, und er sieht ein Teheraner Krankenhaus von innen, aus dessen Mülltonnen sich die Hunde Menschenabfälle holen. Und dann ist er mitten drin in den politischen Wirren, die er nicht versteht.

Christian Krachts Roman, nun auch als Taschenbuch, ist nicht nur kraftvoll, er ist explosiv. Zuerst zieht er einen hinein in die Welt der Sinne und dann spuckt er Blut und Körperteile. Dieses spektakuläre Tableau über das Aufeinanderprallen von Orient und Okzident ist zugleich ein Feuerwerk der Farben, Gerüche und Emotionen, das einem den Atem raubt.

Christian Kracht, "1979", München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2003, 182 Seiten, 9,50 Euro.

Quelle: n-tv.de

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