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n-tv.de Interview "Methodischer Abbau von Skrupeln"

Die von SPD-Chef Franz Müntefering angestoßene Kapitalismusdebatte erregt derzeit die Gemüter. n-tv.de sprach mit Dr. Ulrich Thielemann vom Institut für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen über den Sinn der Debatte und die Chancen, die der Streit auch bietet.

n-tv.de: Hat die von SPD-Chef Franz Müntefering angestoßene Debatte über die Auswüchse des Kapitalismus, die "Heuschreckenplage" die über Deutschland hergefallen sein soll, Substanz?

Thielemann: Ob die Metapher der „Heuschrecken“ glücklich gewählt ist, daran ließe sich wohl zweifeln. Abgesehen davon hat Müntefering eine wichtige Debatte angestoßen, vielleicht gar einen Zeitenwechsel eingeleitet, nämlich das Ende einer sich beinahe vollständig als neoliberal verstehenden Politik.

Diese war von der Idee getrieben, es den Investoren bzw. dem Kapital so angenehm wie möglich zu machen, damit es endlich Arbeitsplätze schaffe. Die Wohltaten und die neuen Handlungsspielräume wurden allerdings von Investoren und Unternehmen oft dazu genutzt, Arbeitsplätze direkt oder indirekt abzubauen. Von „Reformdividende“ keine oder kaum eine Spur, da viele Unternehmen offenbar keinerlei Verpflichtung zu einer „Bringschuld“ (NRW-Ministerpräsident Steinbrück (SPD)) empfinden.

Vielerorts kommt der Verdacht hoch, dass die Debatte eher dazu dient, die durch die Sozialreformen, insbesondere Hartz IV, verunsicherte Bevölkerung wieder auf die Regierungsseite zu ziehen.

Thielemann: Die Bevölkerung mit einer guten, gesellschaftsdienlichen Politik zu gewinnen, die dem Gedanken des Wohlstands für alle statt nur für wenige verpflichtet ist, daran ist absolut nichts Anrüchiges, ganz im Gegenteil. Allerdings muss sich die gegenwärtige Regierung fragen lassen, warum sie die Nettigkeiten gegenüber dem Kapital bis in teilweise absurde Höhen geschraubt hat – wie etwa der, die Verlagerung, also den Abbau von Arbeitsplätzen, steuerlich zu begünstigen, wo doch eher das Gegenteil nahe läge.

Hat nicht auch der Wandel der Deutschland AG und die mit ihm einhergehende Entflechtung der Überkreuzbeteiligung zwischen Banken, Versicherungen und Industriekonzernen den Finanzinvestoren die Türen geöffnet und das Rendite-Denken gefördert?

Thielemann: Aus wirtschaftsethischer Sicht ist natürlich bereits das Verständnis eines Landes als einer „AG“, die sich wie eine Unternehmung im (globalen) Wettbewerb zu behaupten habe, eine Fehlkonstruktion. Stattdessen ginge es ja umgekehrt darum, den Wettbewerb in einen ordnungspolitischen Rahmen einzubetten, auf das er gesellschaftsdienlich funktioniere.

Der „Macht des Kapitals“ entspricht der Wille des Kapitals zur unbedingten Renditesteigerung. Insbesondere Private Equity Gesellschaften haben dieses Denken kultiviert bzw. radikalisiert. Vielfach fehlen uns aber noch die Kategorien, um diese Radikalität von einem gemäßigten Gewinnstreben zu unterscheiden. Wenn beispielsweise die Finanzexpertin der Grünen, Christine Scheel, sagt: „Firmen müssen Gewinne machen dürfen, sonst gibt es keine Jobs“, so ist dies trivial richtig. Aber darum geht es doch gar nicht. Es geht vielmehr darum, dass einige Kapitalgeber, beispielsweise Private Equity Gesellschaften, zunehmend alles daran setzen, dass die Gewinne so hoch wie eben möglich sind. Eine solche Gewinnmaximierung lässt sich zwar nicht legitimieren. Sie tun es aber trotzdem.

Das Geschäftsmodell von Private Equity Firmen, die andere Firmen aufkaufen und wieder abstoßen, besteht darin, mit spitzerem Bleistift als bislang zu rechnen. Es besteht also gewissermaßen in einem methodischen Abbau von Skrupeln. Konkret bedeutet dies: „Restrukturierung“, d.h. systematische „Verwertung“ des gekauften Unternehmens: Alles, was nicht eine bestimmte Rentabilität verspricht, wird abgestoßen, so dass sozusagen die Filetstücke übrig bleiben. Mitarbeiter werden vor die Alternative gestellt, entweder länger zu arbeiten – natürlich ohne Lohnausgleich – oder outgesourct zu werden.

Müsste man die "Heuschrecken" nicht viel differenzierter betrachten? Schließlich haben sich einige der nun gegeißelten Finanzinvestoren durchaus für den Wirtschaftsstandort Deutschland eingesetzt.

Thielemann: Ich zweifele eher daran, dass es sich bei Private Equity um ein Geschäftsmodell handelt, das als gesellschaftsdienlich zu bezeichnen ist. Ihr Engagement zielt ja nicht auf die langfristige Entwicklung eines Unternehmens, sondern auf dessen „Verwertung“, d.h. den billligen Einkauf und den teuren Verkauf.

Der Horizont von Private Equity Gesellschaften ist dabei insgesamt durchaus langfristig, aber eben nicht mit Blick auf ein übernommenes Unternehmen, sondern bloß mit Blick auf das eigene Kapital. Dabei vermehrt sich das Kapital mit einem Zielwert von 20 Prozent oder mehr. Diese Strategie ist ja der Grund dafür, dass zukunftsgerichtete Investitionen in die übernommene Unternehmung zumeist ausbleiben, was viele Mitarbeiter in den betroffenen Firmen frustriert und enttäuscht. Statt das eigene Kapital langfristig zu binden, wandert die Private-Equity-Gesellschaft lieber zum nächsten unterbewerteten Unternehmen, um es vollständiger als bislang auf Gewinn und nur auf Gewinn zu trimmen.

Die Wirtschaft selbst reagierte, abgesehen von Siemens-AR-Chef Heinrich von Pierer, bislang relativ verhalten auf die heftigen Attacken. Sitzen die Konzernchefs die Krise aus, oder fühlen sie sich womöglich gar nicht direkt angesprochen?

Thielemann: Ich habe eher den Eindruck, dass da ziemlich scharf geschossen wurde, jedenfalls von wirtschaftsnaher Seite. Und das Argument ist immer das gleiche: Mit der Debatte „verschrecke“ man die Investoren (Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn). Nicht die Private Equity Fonds, sondern deren Kritiker stellten ein „Standortrisiko“ dar (Rezzo Schlauch, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium), und darum sei die Debatte „hochgradig schädlich“ (Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt) und stelle ein „erbärmliches Ablenkungsmanöver“ (Siemens-AR-Chef Heinrich von Pierer) dar, nämlich von den eigenen Schwächen, den Standort noch attraktiver für bestehende und zukünftige Investoren zu machen.

Kurzum, man spielt die alte Sachzwangkarte – und man bestätigt damit indirekt und eher ungewollt die These Münteferings von der überbordenden „Macht des Kapitals“, das die Standorte gegeneinander ausspiele und somit die Demokratie gefährde. Das losgelassene Kapital ist in der Tat freiheitsgefährdend. Es unterminiert unser aller Freiheit, Gesellschaft und Wirtschaft nach wohlerwogenen Grundsätzen der Gesellschaftsdienlichkeit und Verantwortbarkeit zu gestalten.

Aber ist an der Gegenwehr nicht vielleicht auch etwas dran? Verschreckt man durch eine solche Debatte nicht tatsächlich auch die "guten" Finanzinvestoren?

Thielemann: Vielen Unternehmer und Manager fühlen sich zu Unrecht angegriffen. Sie übersehen dabei, dass die Kritik Münteferings sich auf die „totale Ökonomisierung“ und die Gewinnmaximierer bezog, also auf diejenigen, die nichts mehr als Dollar- oder Euro-Zeichen im Kopf haben. Auf der anderen Seite betonen immer mehr Unternehmen ihre gesellschaftliche Verantwortung – etwa unter dem Banner von „Corporate Citizenship“ und „Corporate Social Responsibility“.

Für Unternehmen, die ihr Bekenntnis zu Integrität und Verantwortungsbereitschaft ernst meinen, bieten sich hier wunderbare Profilierungschancen. Vielleicht lassen sich auch so die doch auch zahlreichen Unterstützungen für die Thesen Münteferings aus dem Kreise der Unternehmer und Manager deuten. So etwa und durchaus prominent von Porsche-Vorstandschef Wendelin Wiedeking, der sich zum einem fairen „Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit“ bekennt, es für „völlig unangebracht“ hält, den Shareholder-Value „an die erste Stelle zu setzen“, und Massenentlassungen bei gleichzeitigen Spitzenergebnissen scharf kritisiert – und der im übrigen einem durchaus erfolgreichen Unternehmen vorsteht.

Quelle: n-tv.de

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