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Donnerstag, 20. November 2003

Leben gegen Intoleranz: Nadine Gordimer wird 80

Als erste und bisher einzige Frau Afrikas, die je mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, ist Nadine Gordimer bereits zu Lebzeiten eine Literaturlegende.

Im Ausland ist sie so gefragt, dass sie selbst ihren 80. Geburtstag am 20. November fern der Heimat feiern wird. "Ich werde den ganzen Monat November in Übersee sein", hatte sie Anfang November erklärt. Übersee, das bedeutet in diesem Fall vor allem Deutschland. In Berlin war sie Festrednerin bei einer Aids-Gala, in München nahm die sozialkritische Beobachterin den internationalen Buchpreis "Corine" von Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber entgegen.

Ausgeprägter Gerechtigkeitssinn

Als "eine der ganz großen literarischen Stimmen unserer Zeit" hatte er sie gewürdigt - als eine Meisterin ihres Metiers, die politische Themen, literarischen Anspruch und sprachliche Ästhetik in einem harmonischen Ganzen verbinde. Dabei hat sich die Südafrikanerin mit dem ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn selbst nie als politische Schriftstellerin gesehen - auch wenn Politik in ihrem Leben eine große Rolle gespielt hat. Die Zeit der Rassentrennung in Südafrika war es, die ihren Romanen den Stempel aufdrückte und auch sie prägte.

Die Bücher der zierlich wirkenden, aber sehr couragiert auftretenden Autorin wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Für "Der Besitzer" erhielt sie den begehrten britischen Booker's-Preis, den auch ihr gerade erst mit dem Literatur-Nobelpreis geehrter Landsmann John M. Coetzee zwei Mal zuerkannt bekam. "Er ist ein guter Freund und ein großer Schriftsteller", meinte sie nach der Preisvergabe an ihn. 1991 hatte sie selbst die begehrte Auszeichnung der Literaturwelt erhalten, nachdem die Stadt Dortmund sie schon 1985 mit dem Nelly-Sachs-Preis geehrt hatte.

Machthaber herausfordern

Ihre schöpferischste Phase fiel in die Apartheid-Ära. In einer schnörkellosen, mitunter distanziert wirkenden Sprache beschrieb sie schwarze und weiße Opfer der Rassentrennungs-Politik und forderte die Machthaber im Lande immer wieder heraus. Offen trat sie für den Afrikanischen Nationalkongress ein. Fast alle ihre Bücher landeten auf dem Index.

Seit ihrer Kindheit hatte sie Geschichten zu Papier gebracht. Ihren ersten Roman "Entzauberung " veröffentlichte sie 1953, ein Jahr nach der Scheidung von ihrem ersten Mann. Schon damals beschäftigte sich die in Springs (bei Johannesburg) geborene Tochter eines aus Litauen stammenden jüdischen Uhrmachers und einer Engländerin mit der Rassentrennung.

"Kampf noch nicht vorbei"

Nach der Wende am Kap mahnte die zur UN-Sonderbotschafterin ernannte Autorin: "Der Kampf ist noch nicht vorbei. Der Wiederaufbau ist vielmehr ein Teil davon." Ihr Buch "Die Hauswaffe" (1998) handelte bereits von der Nach-Apartheid-Zeit. Dass heute schwarze und weiße Kinder gemeinsam zur Schule gehen, sei ihre größte Freude.

"Die Tatsache, dass ich gelebt habe, um das Ende der Apartheid und den Beginn, den Aufbau eines neuen Südafrika zu sehen und daran beteiligt zu sein ist für mich dauerhafte Freude", sagt die Südafrikanerin, die sich selbst als nicht-religiös, aber zum buddhistischem Gedankengut hingezogen sieht. Den Tod ihres zweiten Mannes, des aus Nazi-Deutschland geflohenen Kunstsammlers und Mäzens Reinhold Cassirer im Oktober 2001, hat sie nur schwer verwunden: "Er war der Erste, der meine Romane las. "

Von Ralf E. Krüger, dpa

Quelle: n-tv.de