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Pay-TV in Bewegung Neue Kräfteverhältnisse

Die Übernahme von Deutschlands größtem TV-Konzern ProSiebenSat.1 durch den Springer-Verlag könnte auch im Pay-TV-Markt die Kräfteverhältnisse verschieben. Angesichts stagnierender Werbeerlöse und der neuen digitalen Technik suchen viele frei empfangbare Fernsehsender nach neuen Erlös-Quellen. "Medienunternehmen sind gezwungen, mehrere Klaviaturen zu spielen", sagt Nikolaus Mohr, Partner und Medien-Experte bei der Beratungsfirma Accenture Deutschland. Gerade junge Kunden seien neuen Technologien gegenüber sehr offen und in ihrer Mediennutzung daher sprunghaft. Medienfirmen könnten sich auch deshalb nicht mehr auf einzelne Publikumsformate konzentrieren. ProSiebenSat.1 beantragte jetzt die Lizenz für vier Pay-TV-Kanäle. Welchen Einfluss die Übernahme durch Springer auf den Ausflug ins Bezahlfernsehen hat, ist noch offen.

Unumstrittener Platzhirsch im Pay-TV ist derzeit Premiere mit 3,3 Mio. Abonnenten. Vorstandschef Georg Kofler sieht eher Vorteile durch die Übernahme von ProSiebenSat.1. Da Springer hohe Schulden aufnehmen müsse, um den Kaufpreis von insgesamt mehr als vier Milliarden Euro zu finanzieren, sei der Spielraum des neuen Medien- Riesen begrenzt. Eine Milliardeninvestition in das Pay-TV werde sich Springer da nicht mehr leisten können. Eine Springer-Sprecherin wollte Koflers Einschätzung am Mittwoch nicht kommentieren.

Bei ProSiebenSat.1 hält man sich derzeit mit konkreten Details zu den Pay-TV-Plänen bedeckt. "Es gibt noch keinen Starttermin", sagte eine Konzernsprecherin. Dieser sei abhängig von den laufenden Verhandlungen mit den Kabelnetzbetreibern. Die Mediananstalt Berlin- Brandenburg (MABB) hatte am Dienstag mitgeteilt, dass die Sendergruppe Lizenz-Anträge für vier Pay-TV-Sender mit den Schwerpunkten Comedy, Lifestyle, aktuelle Filme und Filmklassiker gestellt habe.

In Branchenkreisen wird darauf verwiesen, dass ProSiebenSat.1 vor allem an einer Mehrfachverwertung seiner Programme interessiert ist. Auf digitalen Plattformen zum Beispiel von Deutschlands größtem Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland könnte die Gruppe so relativ einfach erste Bezahl-Angebote starten. In großem Stil Premiere Konkurrenz machen will ProSiebenSat.1 nach Einschätzung in Branchenkreisen nicht. Daher gilt es derzeit auch als eher unwahrscheinlich, dass die Gruppe zum Beispiel in der nächsten Runde ernsthaft um die Pay-TV-Rechte für die Fußball-Bundesliga mitbietet. "Das wäre für Premiere sicher die größte Gefahr", sagt ein Branchenkenner. Für den Bezahlsender ist die Übertragung der Bundesliga-Spiele ein Kerngeschäft. Sollte eines Tages ein anderer Bieter den Zuschlag dafür bekommen, würden die Karten im Pay-TV komplett neu gemischt.

Auch Kabel Deutschland greift Premiere mit seinem eigenen Pay-TV- Angebot derzeit nicht direkt an. Der Netzbetreiber setzt im Gegensatz zu Premiere nicht auf exklusive Top-Angebote, sondern auf ein günstiges Programm-Paket. Ein Kabel-Deutschland-Sprecher wollte die möglichen Auswirkungen der ProSiebenSat.1-Übernahme auf den Markt nicht kommentieren. In der gesamten Branche wird aber mit Spannung erwartet, wie die Springer-Strategie für das gesamte Fernsehgeschäft aussehen wird. Derzeit aber ist der Verlag noch mit der Übernahme selbst beschäftigt. In dieser oder der nächsten Woche soll der Antrag beim Kartellamt eingereicht werden.

Von Axel Höpner, dpa

Quelle: ntv.de