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Der Unterhändler Porträt Wolfgang Schäuble

Es werde womöglich nicht leicht, sagte Ingeborg Schäuble 1998, der Öffentlichkeit das Bild eines Kanzlers im Rollstuhl zu vermitteln. Nun könnte ihr Mann Wolfgang Schäuble im kommenden Jahr vielleicht der erste Bundespräsident im Rollstuhl werden, falls sich die Union für ihn als Kandidaten entscheidet. Doch die Lähmung, die der CDU-Politiker 1990 bei einem tragischen Attentat davon trug, wird bei der Debatte um seine Kandidatur wohl die geringste Rolle spielen.

Es ist ein wenig still geworden in den letzten Monaten um einen der facettenreichsten und erfahrensten deutschen Politiker, der an den verschiedensten Schaltstellen der Macht waltete und die Hand nach dem Kanzleramt bereits gestreckt hatte. Der am 18. September 1942 in Freiburg geborene Jurist ist immer noch stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und zuständig für Außen- und Verteidigungspolitik. Doch fiel er im täglichen Hickhack zwischen Regierung und Opposition trotz Irak-Kriegs und außenpolitischer Krise nicht mit grellen Attacken auf.

Dies passt zu seinem Stil als Vermittler und Unterhändler im Hintergrund, die er über Jahrzehnte erfolgreich erprobt hat. Das gilt für seine Zeit als Geschäftsführer der Unionsfraktion und als Kanzleramtschef der Regierung Helmut Kohl in den 80er Jahren, wie auch für seine Amtszeit als Innenminister ab 1989. Seinem Geschick in den Verhandlungen zum deutsch-deutschen Einigungsvertrag 1990 zollte auch die Opposition Respekt.

Allerdings war Schäubles herausgehobene Rolle wohl auch Hintergrund des Attentats im badischen Oppenau nur neun Tage nach der Vereinigung vom 3. Oktober 1990. Die Rückenmarksverletzung wird für immer seine körperliche Bewegungsfähigkeit einschränken. Der politische Bewegungsspielraum blieb jedoch weit größer als gedacht. Schon sechs Wochen später wurde Schäuble wieder in den Bundestag gewählt und dort 1991 zum Chef der CDU/CSU-Fraktion bestimmt. Es ist die Fortsetzung der Symbiose Kohl-Schäuble mit anderen Mitteln. Sie gipfelte in der einsamen Entscheidung des Patriarchen Kohl 1997, Schäuble zum Nachfolger zu benennen. Nach Kohls Abwahl wurde Schäuble, wenn nicht zum Kanzler, so doch im November 1998 zumindest zum CDU-Vorsitzenden.

Der Höhepunkt in Schäubles bisheriger Karriere ist jedoch gleichzeitig die Wende. Weniger als ein Jahr später wurde er von der CDU-Spendenaffäre überrollt und musste im Frühjahr 2000 seine Ämter als Fraktions- und Parteichef räumen. Ein paar Mal noch stellte sich Schäuble wegen der Spendenaffäre der Öffentlichkeit, für eine Weile wurde sogar gegen ihn ermittelt. Seit seiner Wiederwahl in den Bundestag 2002, wo er seit 1972 den badischen Kreis Offenburg vertritt, herrscht nun hingegen fast präsidiale Zurückhaltung in der Tagespolitik bei dem inzwischen 60-jährigen Politiker.

(Verena Schmitt-Roschmann, AP)

Quelle: n-tv.de