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Modernisierer der Türkei Recep Tayyip Erdogan

Er spricht Arabisch, aber kaum Englisch. Und doch wünscht sich der türkische Regierungschef Erdogan nichts sehnlicher, als den Anschluss zum Westen zu finden.

VON LARISSA VASSILIAN

Recep Tayyip Erdogan ist überzeugt davon, dass sein Land bereit ist, der EU beizutreten. Derzeit macht er fleißig seine Hausaufgaben. Mehr als 100 Reformgesetze hat er verabschiedet, und nähert sich den EU-Normen immer mehr an. Diese Reformen sollen die Türkei stabiler machen und für gesellschaftlichen Frieden sorgen, so hofft der 50-Jährige. Am 21. Dezember erreichte er sein wichtigstes Etappenziel: am 3. Oktober 2005 werden die EU-Beitrittsverhandlungen beginnen.

Es hat sich viel getan in der Türkei: Die Todesstrafe ist abgeschafft. Die Kurden dürfen ihre unterdrückte Sprache wieder frei sprechen. Die Generäle haben keine uneingeschränkte Macht mehr über das Land. Da wird außerdem generell mehr Meinungsfreiheit eingeführt, Filme und Videos werden nicht mehr zensiert, Rundfunkstationen dürfen auch in Fremdsprachen senden. Die Mehrheit der Türken ist modern, und 70 Prozent der Türken sind für eine Mitgliedschaft in der EU.

Saubermann der türkischen Politik

Mit Erdogan haben sie offenbar auf das richtige Pferd gesetzt. Zielstrebig kämpft er für den Beitritt und damit für seinen Platz in den Geschichtsbüchern. Sein Lebenslauf lässt vermuten, dass er sein Ziel erreichen wird: Gewissermaßen hat er bereits den Amerikanischen Traum in der Türkei gelebt. Geboren wurde er 1954 in einem Istanbuler Armenviertel. Er wächst in einer streng religiösen Familie auf. Er verkauft Sesamkringel am Straßenrand, spielt Fußball in einem Spitzenklub – muss dies aber aufgeben, denn der eigene Vater ist aus religiösen Gründen gegen die kurzen Hosen. Also studiert Erdogan Wirtschaft und Politik und wird Mitglied der proislamischen Milli-Görüs-Bewegung.

1994 wird er Bürgermeister von Istanbul. Er regiert wie ein Saubermann: Erdogan baut neue Wasserleitungen, eine Metrolinie, ersetzt Braunkohleöfen durch Gasheizungen und lässt Tausende von Bäumen pflanzen. Aber auch der Korankenner in ihm macht Politik: Er wettert gegen Alkohol, zwingt Mädchen und Jungen in verschiedene Schulbusse, lässt für Frauen spezielle Badestrände einrichten.

Diese Einstellung ändert sich später. Da sagt er dann, sein Glaube sei Privatangelegenheit. Ein kluger Schachzug, der ihm den Westen ein wenig näher bringt. Vor zwei Jahren wurde er mit der AKP-Regierung zum Ministerpräsidenten der Türkei. Lange war kein Ministerpräsident so mächtig wie er. Immerhin gewinnt Erdogan eine Zweidrittelmehrheit. Die AKP ist konservativ, ihre Wähler gehören sowohl zu den traditionell gläubigen anatolischen Händlern wie auch zu den liberalen Geschäftsleuten der Großstädte. Die Partei kümmert sich um das gesamte türkische Volk, anstatt sich der politischen Lagerbildung zu verschreiben. Islamisch geprägt, aber modern will die Regierung sein.

Konflikt mit den USA

Selbstbewusst und charismatisch steuert Erdogan das Land auch durch den Irak-Krieg – auch wenn er damit die sonst guten Beziehungen zu den USA kurzerhand einfriert. Zunächst hatte man versichert, den USA im Irak-Krieg zu helfen. Dann aber untersagt das Parlament die Stationierung amerikanischer Soldaten und die Benutzung türkischer Luftwaffenstützpunkte und wirft somit die gesamte amerikanische Kriegsstrategie um. Mittlerweile forderte Amerika 10.000 Soldaten, die die Türkei als Friedenstruppen entsenden sollten – und damit kann Erdogan leben. Denn den Irakern will er beim Wiederaufbau helfen, keinesfalls aber als Eroberer auftreten, wie er immer wieder betont. Damit spricht er seinem Volk aus der Seele. 70 Prozent lehnten einen Irak-Einsatz kategorisch ab. Ob die Beziehungen zu den USA wieder entspannter werden, bleibt abzuwarten. Erdogan sagt dazu: "Die USA sind ein strategischer Partner der Türkei. Diese Beziehung ist nicht an einem Tag entstanden, und sie zerbricht auch nicht an einem Tag."

Der bescheidene Mann mit dem Schnauzbart baut konsequent den säkularen Nationalstaat um. Wenn er tatsächlich den von den Türken lang ersehnten Beitritt zur EU schafft, wird man sich noch lange an ihn erinnern.

Quelle: ntv.de